Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Leone Ebreo und Pico della Mirandola
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 345 (sequence 2)
- Language
- German
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345 vorhanden waren: im Zentrum seines Werkes steht eine genial konzipierte Aesthetik; zugleich gibt er seinem Werk eine Form, wie sie eigentlich nur ein Italiener der Renaissance erfinden mochte, die des Gesprächs zweier Liebenden. Dies entschieden Italienische in seinem Buche macht die Frage nach Einflüssen, die auf ihn gewirkt haben, besonders dringend. Es erscheint ein Rätsel, wie der portugiesisch-jüdische Arzt, der Sohn des großen Rabbi Don Isaak Abarbanel, höchstens zehn Jahre, nachdem er mit seinen Exilsgefährten italienischen Boden betreten hat, das philosophische Werk der Renaissance schreiben konnte. Modisch-literarische Einflüsse sind von ihm weit mehr ausgegangen, als aufgenommen worden. In der Renaissanceform philosophischer Darstellung, der des lockeren, gepflegten, platonischen Gesprächs, ist er einer der ersten. Werke, die deutliche formale Zusammenhänge mit dem seinen haben, die ihm also hätten vorbildlich sein können, sind zum Teil erst im Druck erschienen, als die ״Dialoghi“ bestimmt schon weit vorgeschritten waren, so die ,,Asolani“ des Pietro Bembo und der ,,Cortegiano“ des Baldessare Castiglione. Man ist daher für Leone Ebreo besonders gedrängt, persönliche Einflüsse ins Auge zu fassen. In dieser Hinsicht bietet sich nun keiner mehr, als der Graf Giovanni Pico della Mirandola, der neben Marsilio Ficino vorzugsweise Begründer und Träger jenes neuartigen, mystisch verklärten, schönheitsseligen Platonismus gewesen ist. Denn wenige Jahrzehnte nach dem Tode des Leone Ebreo ist die Nachricht aufgekommen, Leone Ebreo habe ein Werk auf Bitten des Grafen Pico verfaßt. Auf diese Weise ist es zu einer geläufigen Auffassung geworden, Leone und Pico seien Freunde gewesen. Diese Tatsache, wenn sie sich erweisen ließe, würde freilich den willkommenen Schlüssel zu jenem Rätsel von Leones geistiger Entwicklung liefern. Pico, wegen seines eminenten Wissens, seiner tiefen Einsicht und seines liebenswürdigen offenen Wesens von allen Zeitgenossen bewundert und geliebt, Pico möchte man sich gerne als den denken, der den versonnenen melancholischen gelehrten Juden in den Lichtkreis des schwärmerischen lebensfreudigen yiloootptziv gezogen hätte, an dem die hochstehenden Männer und Frauen ganz Italiens in jener Zeit teilhatten. Aber die Hypothese einer persönlichen Beziehung zwischen Leone Ebreo und Pico ist nicht unwidersprochen geblieben. Zimmels, dem wir eine hervorragende Monographie über Leone verdanken1, hat jegliche persönliehe Beziehung zwischen ihnen in Abrede gestellt2, gestützt auf beachtenswerte Argumente, und die gleiche Ansicht ist, unabhängig von Zimmels, von Joaquim de Carvalho3 vertreten worden. Es erscheint unter diesen Umständen angebracht, das Problem einmal genauer zu beleuchten, nachzuprüfen, ob eine so bestechende Hypothese aufrechterhalten werden darf oder ob die entgegenstehenden Argumente sie zunichte machen. Die Untersuchung wird sich hierbei auf die biographischen Momente zu beschränken haben. Denn die philosophischen Beziehungen zwischen Leones 1 Leo Hebraeus, Breslau 1886. 2 A. a. O., S. 24. 3 Leäo Hebreu, Coimbra 1918, S. 20—25.