Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Pentateuch-Frage
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 303 (sequence 12)
- Language
- German
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303 auch praktischer Bequemlichkeit entsprechen. Gewisse Teile des Gesetzes sollten von den Priestern gelehrt sein. Miya ßißtiov fiiya xax6v — sagt das griechische Sprichwort. Eine lange Buchrolle, die den ganzen Pentateuch enthielt, wäre die schwerfälligste Methode für das Wirken des Priesters gewesen. Er mußte auf die besondere Stelle, die auf die jeweilig vorliegende Frage anwendbar war, ohne besondere Mühe zurückgreifen können. Wenn er ein Kästchen oder sonst ein Behältnis mit einzelnen kurzen Schriftstücken hatte, die so angeordnet waren, daß die Kolophons der für ihn wichtigsten Abschnitte am Rande oder durch Zettel -besonders gekennzeichnet waren, konnte er das Stück der Gesetzgebung, das er gerade brauchte, mühelos heraussuchen1. Wenn er nur im Lande lehrte, würde er nur jene Teile der Gesetzgebung bei sich haben, die zu praktischen Zwecken erforderlich werden konnten. Es ist beachtenswert, daß die meisten Kolophons der spezifischen priesterlichen Gesetzgebung angefügt sind. Natürlich konnten sie nicht bei dem gesamten im Pentateuch enthaltenen Stoff zur Anwendung kommen, sondern nur da, wo es sich um Dinge handelte, die als abgeschlossenes Ganzes betrachtet werden konnten, wie das Gesetz für einen bestimmten Gegenstand oder eine Rede oder eine Erzählung, die mehr oder weniger in sich abgeschlossen war. Bemerkenswerterweise gibt der Pentateuch selbst deutlich zu verstehen, daß er Stoffe enthält, die für verschiedene Gelegenheiten gedacht sind, und sich in erster Linie an verschiedene Zuhörer wenden. So heißt es Ex 21!: ,,Dies sind die Satzungen, die du ihnen vor־* legen sollst". Angeredet wird hier das Volk, das durch seine Aeltesten vertreten ist (197). Der Stil der folgenden Kapitel ist kurz und lapidar, durchaus geeignet zum Auswendiglernen, und das war auch zweifellos die Absicht, daß die Aeltesten sie auswendig kennen sollten. Es gibt Stellen, die auf einen anderen Zweck hinweisen: ,,Ihr sollt lehren die Kinder Israel alle Satzungen" usw. (Lev 11!, 1457; Dt 248, 3310 usw.). Diese Stellen zeigen, daß Teile des Pentateuch an die Priester gerichtet waren und erst über sie hinweg an das Volk gelangen sollten. Natürlich sind diese Teile in breiterem Stil abgefaßt. Die jetzige Vereinigung dieser verschiedenen Stilelemente in einem einzigen Buch läuft der ausdrücklichen Absicht des Gesetzgebers direkt zuwider. Im Deuteronomium gibt .es noch eine dritte Art des Stoffes. Es sind Reden, die zuerst zum sofortigen Vortrag für das Volk und dann zur öffentlichen Vorlesung bestimmt waren. Natürlich sind sie in einer Form verfaßt, die für den angegebenen Zweck geeignet war, aber aus ihrer ganzen Art geht die Absicht hervor, daß sie in einem einzigen Buch, allen Menschen zugänglich, mit dem übrigen Pentateuch vereint sein sollten. Wenn wir in einer Stelle von einer ausdrücklichen Vorschrift für das Volk lesen, in Uebereinstimmung mit den Lehren zu handeln, die von den Priestern und 1 Was für Material verwendet wurde, wissen wir nicht. Aber der” Pentateuch konnte nicht in Keilschrift geschrieben sein, die nur auf nassem Ton möglich war — und das ist ganz ausgeschlossen durch Num 523, 17nf; Dt 69; 1s 344, 3715. Der Gedanke liegt nahe, daß die Häute der Brändopfer, die den Priestern zufielen, zu Schreib zwecken verwandt wurden.