Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Pentateuch-Frage
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 293 (sequence 2)
- Language
- German
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293 § 1. Das Pentateuch-Problem ist von einer außerordentlichen Kompliziertheit, und es versteht sich, daß in einem einzigen Artikel eine alle Phänomene genügend erklärende Lösung nicht gegeben werden kann. Bis heute herrscht noch die Quellentheorie vor, wenn sie auch nicht mehr so entschieden vertreten wird, wie früher infolge der Angriffe von seiten der Textkritiker, wie vor allem eines J. Dahse1, und des Abfalls B. D. Erdmanns2 und M. Löhrs3, die beide einst Anhänger dieser Theorie waren, und auch infolge des brennenden Streits, der sich um das Deuteronomium erhoben hat. Es ist trotzdem noch unbedingt nötig, bei jeder ernsten Bemühung um das Problem diese Theorie in Betracht zu ziehen. In aller Kürze läßt sich diese Theorie so darstellen: es gab ein Dokument J, das entweder das Werk eines einzigen Autors oder einer ganzen Schule von Schriftstellern war. Es stammte aus Juda und ist charakterisiert durch den Gebrauch des Tetragramms in der Genesis als Gottesbezeichnung. Ein zweites, ähnliches Dokument E, so wird weiter angenommen, ist nördlichen oder ephraimitischen Ursprungs. In diesem wurde der Name des Ewigen zum ersten Male offenbart (Ex 315) und der Gebrauch des Tetragramms der Genesis vermieden, was auch aus unerklärten Gründen häufig danach der Fall ist4. Diese beiden Dokumente wurden dann von einem Redaktor zur Fassung JE vereinigt, die nicht immer in ihre Bestandteile zerlegt werden kann. Ein Dokument D, von dem der größte Teil des Deuteronomium hergeleitet wird, wird oder wurde für eine spätere Schöpfung gehalten. Ein anderer Redaktor vereinigte D mit JE und schuf so einen Komplex JED. Zu irgendeinem Zeitpunkt nach dem Exil wurde dann das priesterliche Gesetzbuch P, das ein Heiligkeitsgesetz einschloß, H oder Ph bezeichnet, mit JED vereinigt, und so entstand die heutige Form des Pentateuch JEDP. Es gibt eine Menge Variationen, mit denen wir uns hier nicht zu beschäftigen brauchen; denn die Dinge, über die wir zu handeln haben, sind unvereinbar mit jeder bekannten Form der Theorie. Das bezieht sich auf Eißfeldts LJEDP-Hypothese ebenso wie auf die andern Anschauungen. Dieser mühsam errichtete Bau ist in seiner Gesamtheit — so unglaublich es auch klingen mag — aufgeführt worden, ohne die Glaubwürdigkeit des massoretischen Textes bei den Dingen, auf die er sich bezieht, überhaupt zu untersuchen. Unsere älteste Handschrift des massoretischen Pentateuch wurde wahrscheinlich ungefähr um 900 n. Ch. geschrieben, d. h. mehr als .2000 Jahre nach Mose; angeblich gibt es eine Handschrift in Odessa, die früher als 604 n. Ch. anzusetzen ist, d. h. ungefähr 18 Jahrhunderte nach Mose; der Unterschied ist unwesentlich, denn wenn man auch den denkbar frühesten Zeitpunkt annimmt, so ist doch 1 Textkritische Materialien zur * Hexateuchfrage I, 1912. 2 Alttestamentliche Studien I—IV, 1908—1912. 3 Untersuchungen zum Hexateuchproblem 1924 ff. und andere Schriften. 4 Ich hoffe, in einem späteren Aufsatz, ,,Zur Gottesnamenfrage“, über die Teile der Theorie zu handeln, die sich auf die GottesbeZeichnungen stützen.