Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Pentateuch-Frage
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 292 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2829132-2829951-2829955-2834610--48319-2834705- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
292 Zar Pentateuch-Frage. Von Harold M. Wiener in Jerusalem. Aus dem Englischen übertragen von B. F. Die Stellungnahme der Juden zur Pentateuch-Frage während des letzten halben Jahrhunderts kann nicht mit voller Genugtuung betrachtet werden. Während außerhalb unserer Reihen der Kampf tobte, verhielt die jüdische Wissenschaft sich fast teilnahmslos. Ein Teil der Forscher begnügte sich damit, an den Anschauungen früherer Generationen festzuhalten, ohne den Versuch zu unternehmen, sich mit den Problemen, die unsere Zeit bewegen, in einer Art zu beschäftigen, die die Mehrheit der unter modernem, westlicheren Einfluß Herangewachsenen befriedigen würde. Ein anderer Teil, der sich dieser Haltung nicht anzuschließen vermochte, aber keine andere Führung hatte, fand keinen anderen Weg, als sich zu den Hypothesen der radikalen Schule zu bekennen, die man laut als das sichere Ergebnis moderner Wissenschaft ausgab. Der erste Teil besitzt meine Sympathie und Achtung, aber an ihn wenden meine Arbeiten sich nicht. Den Anhängern der andern Richtung und denen, die ihr zuneigen, möchte ich den Gedanken beibringen, daß es noch einen dritten und besseren Ausweg gibt, nämlich: sich den wissenschaftlichen Grundsatz der Wahrheit, wohin sie einen auch führen mag, anzueignen und dann zu prüfen, ob die Ergebnisse sich nicht von denen der radikalen Schule als höchst unterschiedlich erweisen werden. In der wissenschaftlichen Welt jagt eine Theorie die andere und es wäre töricht, wollte man endgültige Ergebnisse auf einem nichtempirischen Gebiet erwarten, in dem die Subjektivität naturgemäß einen weiten Spielraum hat. Aber nie wird ein ernster, aufrichtiger Versuch zur Erforschung der Wahrheit gänzlich fruchtlos verlaufen, selbst wenn er zu Ergebnissen führen sollte, die von denen des Autors ab weichen. Ein solcher Versuch kann auch der Religion keinen Schaden zufügen; denn eine Religion, die auf Wahrheit gegründet ist, braucht von einem ehrlichen Versuch, die Wahrheit zu erforschen, nichts zu befürchten. Die non possumus-Kaltung treibt andererseits den Radikalen zu und führt zu Folgen, die der Absicht ihrer Vertreter sehr oft zuwiderlaufen. Daher schreibe ich für diejenigen, die, obgleich sie die Stellungnahme früherer Generationen nicht ohne weiteres annehmen können, doch keine Voreingenommenheit zugunsten radikaler Lösungen zeigen, und die nicht ein Axiom darin sehen, daß jede Schwierigkeit in der Bibel in erster Linie der Dummheit oder noch Schlimmerem unserer Vorgänger zuzuschreiben ist. Meine persönliche Ansicht ist, daß eine ehrliche Forschung dieser Art sich im Lauf der Zeit als wertvoll, sowohl für die Wissenschaft als auch für die Religion, erweisen wird. Da ich dieser Ansicht bin, sehe ich völlig der unvermeidlichen Gefahr ins Auge, Hypothesen aufzustellen, die die Kritik hervorrufen und von künftiger Forschung überholt werden können; wenn irgendeiner meiner Schriften der Erfolg beschieden sein sollte, das Interesse anderer hervorzurufen, denen es gelingen würde, der Wahrheit näher zu kommen, so will ich mich als Erster darüber freuen, daß meine Arbeiten beiseite geschoben werden können.