Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden in Kiel im Jahrzehnt von 1850 - 1860
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 289 (sequence 3)
- Language
- German
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28$ Am 27. 10. 1854 wird der Kieler Magistrat um seine Ansicht befragt. Seine Antwort vom 13. 5. 1855 — unfreundlich im Ton und Inhalt — läßt eine neue Bürde befürchten, da nur zwei Israeliten Hausbesitzer seien. Aussichtsreicher ist dennoch der Bescheid des Königl. Ministeriums. Der König betrachtet die Angelegenheit nicht als eine Kollektivsache und fordert die Supplicanten auf, einzeln dem Ministerium ihre Gesuche innerhalb vier Wochen zu unterbreiten, damit die Prüfung der Verhältnisse eines jeden Einzelnen ermöglicht wird. Dies geschah Anfang Juni 1855. In den letzten Tagen des Monats Mai und des Anfangs Juni werden nun 14 Gesuche schriftlich eingereicht1, einige Bittsteller werden mündlich vernommen. Hierbei erfahren wir die Berufs- und wirtschaftlichen, auch die Familien Verhältnisse der Kieler Juden. (Darüber hoffe ich, mich an anderer Stelle verbreiten zu können.) Zu diesen Gesuchen nimmt der Kieler Magistrat am 30. 10. 1855 ausführlich Stellung. Er geht hierin die Angaben der Supplicanten durch, prüft sie und läßt, wie es scheint, den namentlich genannten Personen, Gerechtigkeit widerfahren, wobei er die Heimatberechtigung in jedem Falle feststellt, bzw. die Erteilung des sogenannten Wohnscheines untersucht. Damit scheint amtlicherseits die Sache erledigt zu sein. Eine Antwort auf diese Einzelgesuche ist in den Akten nicht zu finden. Daß sich die Angelegenheit jahrelang hinzog, zeigt eine recht breite ,,berichtliche Aeußerung der Kieler Krämercompagnie“, die der Aufforderung des Kieler Magistrats vom 1. Februar 1856 und vom 9. März 1858 folgend am 12. Mai 1858 ihr Gutachten ,,betr. die Gesuche mehrerer in dieser Stadt sich aufhaltender mosaischer Glaubensgenossen“ erstattet. Diese Aeußerung ist im Tone des wirtschaftlichen Hasses und der persönlichen Gehässigkeit geschrieben. In übergroßer Breite wird die geschäftliche' Betätigung der Juden geschildert. Als Handelsjuden und Hausierer ,,wissen sie mit ihrem eigentümlichen Geschick und ihrer eigentümlichen Unermüdlichkeit“ die Ware anzupreisen und zu verkaufen. Ja, sogar über den nachtheiligen Einfluß, den das Schachergewerbe auf die Erziehung der Kinder ausübt, glaubt sich die Krämercompagnie ein Urteil anmaßen zu dürfen. Nur am Schlüsse lenken die Guta chter etwas ein und schreiben: ״wir wollen mit diesen Bemerkungen den hiesigen Juden keinen speciellen Vorwurf machen, wir sind mit dem speciellen Verhalten derselben nicht genau genug bekannt, um zu wissen, wie weit sie mit Grund 1 Zu den Bittstellern gekört auch Juda Joseph Möller, der — sein Gesuch ist vom 4. 6. 1855 datiert — Lehrer, Schächter und Cantor ist. Er ist 1804 in Fackenburg geboren, war dort schon von 1824—1850 als Beamter tätig, ist, da sich die Gemeinde fast auflöste, 1850 nach Kiel gegangen — seine Schwester, die Handelswitwe Michael Isaac, geb. Jette Joseph Möller, die 1802 in Fackenburg geboren ist, war bereits 1848 nach Kiel übergesiedelt, bei ihr wohnt der 83 Jahre alte Vater Jesaja Möller. — Es heißt in dem Gesuche wörtlich: ,,es würde der Herde der Hirt, dem Hirten der Broterwerb genommen werden, wenn ich genötigt werden sollte, meinen hiesigen Wohnsitz aufzugeben“. (Die Nachkommen dieses Lehrers sind die Familien Möller in Altona usw.) Monatsschrift, 72. Jahrgang. 19