Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 199 (sequence 16)
- Language
- German
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199 schon bei Lebzeiten viele Anerkennung, sowohl bei dem lesenden Publikum als auch bei den Behörden, die ihn vielfach auszeichneten. Letteris' poetischer Ruhm gründet sich vor allem auf die Gesamtausgabe seiner Gedichte: Tofes Kinor we-Ugab (Wien 1860). Die größere Hälfte der gesammelten Gedichte (das Bändchen hat 162 Seiten), etwa 33, sind Uebersetzungen. Unter ihnen finden sich größtenteils Schillersche Dichtungen: ,,Die Macht des Gesanges“, ,,An die Freude“, ,,Der Pilger“, ,,Des Mädchens Klage“, ,, Der spielende Knabe“, ,,Chor aus der Braut von Messina“, ,,Durch die Straßen der Städte“, ״Drei Worte des Glaubens“, ״Hero und Leander“, ״Aus dem Lied von der Glocke“, ״An den Tyrannen“; daneben zwei Mal Goethe: ״Der Schatzgräber“, ״Der Fischer“ und Byron: ״Jüdische Melodien“. Dann kommen die deutschen Vorklassiker: Haller, Gleim, Stolberg, Hagemeister u. a. Heine, den eine gewisse, von der Tagesströmung beeinflußte Kritik, den jüdischen Dichter kat exochen nennt, ist nur ein einziges Mal mit dem ״Jüdischen Spital in Hamburg“ vertreten. Die galizische Haskala weiß eben nichts von Weltschmerz und hat keinen Sinn für Heineschen Skeptizismus. Ihre Satire ist hart und männlich, wenn sie auch gegen die allerengsten Verhältnisse gerichtet ist. In den Originalgedichten finden wir wie üblich zuerst das Lob Gottes, die Sehnsucht nach dem Ewigen. Charakteristisch für die zahme, fromme Ergebenheit der damaligen Dichter, auch der besten unter ihnen, ist das Gedicht Massat Nofschi, das nach einem Vergleich der Bitternisse des Lebens mit den Freuden der Ewigkeit in die Versicherung ausklingt, die Unglücklichen erwarte großer Lohn. Für den Gerechten sei die Welt bloß ein Einkehrhaus. Nur in Himmelshöhen blühe das Zelt der Frommen. Häufig behandelt Letteris jüdisch-nationale Stoffe, wobei er sicher unter dem Einfluß von Schalom Kohn zuweilen althebräische Formen wählt. Verschiedentlich bedient er sich indes einer modernen Kunstform, so in der Ballade ״David in den Gefilden der Philister“ und in der ״Herrlichkeit Israels“, die er Versuch eines Epos nennt. Von deutschen Dichtern hat Schiller am mächtigsten auf Letteris gewirkt. Das zeigt vor allem das unten (S. 83 ff.) mitgeteilte Fragment eines Trauerspieles ״Der Tod Achitofels“. In der einzigen Szene, die erhalten ist, treten Achitofel und sein Sohn Joasch auf. Das ganze ist eine stellenweise fast wörtliche Uebersetzung der ersten Szene des dritten Aktes aus dem ,,Fiesko“. Von großer Schönheit ist das Fragment eines epischen Heldengedichtes Tiferet Israel, das die Belagerung Jerusalems durch die Chaldäer und die Zerstörung des ersten Tempels schildern sollte. Die Einleitung weckt Reminiszenzen an die Messiade; die Engel intervenieren vergebens beim Ewigen zugunsten Israels. Die darauf folgende Schilderung des Abschiedes des Helden von seiner Frau und seinem Kinde erinnert an den Abschied Hektors in der Ilias. Liebesgedichte im eigentlichen Sinne des Wortes hat Letteris nicht verfaßt. Eine wichtige Rolle spielen bei ihm wie bei den meisten damaligen Dichtern die Gedichte zum Lobe einzelner Persönlichkeiten. Die Letterisschen Widmungen unterscheiden sich jedoch als ehrlich gemeinte Würdigungen vorteilhaft von den vielen Lobhudeleien der