Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 15)
- Language
- German
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198 bis 158). Ueberdies erwarb sich Blumenfeld ein großes Verdienst, dadurch, daß er die Durchsicht des Sefer Rabia vor dessen Drucklegung vornahm und die darin enthaltenen Ausfälle gegen J’huda Löb Rapoport milderte. Der talentierteste Brodyer Poet ist unstreitig der 1788 in Zamosd geborene Ar je Leib Kinderfreund, der fast sein ganzes Leben in Brody zubrachte und dort 1837 starb. In seinen Schirim Schonim (Lemberg 1834) sind, um mit den Worten des Referenten der Allgemeinen Zeitung des Judentums (II. Beilage, S. 104) zu sprechen, Eleganz, Gediegenheit, herrliche Versifikation und Natürlichkeit vereinigt. Außer den landläufigen Motiven der Haskalapoesie findet sich bei ihm die Tendenz, gegen die in der Brodyer Kaufmannswelt zutage tretenden Gebrechen anzukämpfen. Kinderfreunds Gedichtesammlung enthält auch ästhetische Abhandlungen über Versfüße und Reime. In der Einleitung kündigt er ein sprachgeschichtliches Werk an, in dem er sich anheischig macht, nachzuweisen, daß die Wurzellaute der Wörter sowohl der europäischen als auch der morgenländischen Sprachen im Grunde einerlei seien und daß die hebräische Sprache, in der Spuren der Ursprünglichkeit unverkennbar angetroffen würden, notwendig die Mutter der anderen sein müsse. Aus der hebräischen Einleitung schaut uns ein hungerleidender jüdischer Poet entgegen, der von den größeren oder kleineren Gaben seiner Mäzene — sein reicher Bruder, der sogleich auf 100 Exemplare der Schirim Schonim subskribiert, ist der bedeutendste — lebt. Der größte Dichter und Verskünstler der galizischen Haskala war Meir Halewi Letteris (1804—1871), der in Zolkiew geboren wurde und später nach Lemberg und Wien übersiedelte. Die Lektüre des kaum Achtjährigen bilden die Werke von Ben-Sew, Boruch Linda und das Sefer Hajaschar. Der Zwölfjährige erregt durch ein gediegenes Gedicht die Aufmerksamkeit seines berühmten Mitbürgers Nachman Krochmal. Der Weise aus Zolkiew ist es auch, der Letteris׳ erste Gedichtsammlung Dibre Schir (Zolkiew 1824) fördert. Letteris sollte der erste Biograph seines väterlichen Freundes werden. Von 1828—1830 studiert Letteris an der Lemberger Universität europäische und orientalische Philologie. Hier ist es, wo er sich zum literarischen Allerweltsmenschen umgestaltet. Er schreibt jetzt nicht nur hebräische Gedichte, sondern auch deutsche Verse für die Lemberger ,,Mnemosyne“. Zugleich erweitert sich sein Bekanntenkreis. Er korrespondiert mit allen österreichischen Maskilim, ist aber zur selben Zeit ein ,,Ben Baiit“ (Hausfreund) des grimmigsten Feindes aller Maskilim, des Rabbi Orenstein. Von 1831 bis an sein Ende lebte er mit kurzen Unterbrechungen in Wien, wo er in den damaligen literarischen Zirkeln ein gern gesehener Gast war. Er verkehrte u. a. freundschaftlich mit Grillparzer, Kompert, Hammer-Purgstahl. Viele Jahre war er Leiter der hebräischen Abteilung der Schmidschen Buchdruckerei in Wien. Einige Zeit wirkte er auch als Beamter der Wiener Universitätsbibliothek. Von 1851 an lebte er von der Herausgabe verschiedener Zeitschriften und dem Verkaufe seiner Werke. Die Schriftstellerei und Publizistik schützten ihn aber kaum vor dem Hungertode. Infolge dieses Dichterelends konnte weder seine Kunst noch sein Charakter sich festigen. Dennoch fand er