Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 194 (sequence 11)
- Language
- German
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194 überhaupt auch den Spott und den Haß der Ungebildeten gegen die Gelehrten herausfordern. Lewins Bücher habe Moses Mendelsohn selbst gelobt. Im Cheschbon Hanefesch, diesem von dem weisen Benjamin Franklin als . ,,wunderbar“ bezeichneten Werke, habe Rabbi Mendel Lewin seinem Volke edle Gerichte vorgesetzt, habe ihren Augen die Schönheit des vom Dornen׳־ gestrüppe verdeckten Rechtes vorgestellt, ihnen die Häßlichkeit des unter lieblichen Blumen versteckten Bösen offenbart und der gedrückten , edlen Seele eine leichte, klare Buße gewiesen, um die schnelle Rückkehr vom Bösen zum Guten zu ermöglichen. Der Jargon, der ihn so in Harnisch bringe, sei die Umgangssprache aller weltberühmten polnischen Rabbiner, des Bach, Rmo, Schach und des Wi 1 - naer Gaon gewesen. Der berühmte deutsche Geograph Fabri habe in seiner 1815 in Halle erschienenen Geographie den Jargon unter die deutschen Mundarten eingereiht. Für das arme Volk in Oesterreich würden die Briefe Eipeldauers an seinen Vetter in Krakau im Volksdialekt herausgegeben. Das arme Volk arbeite für die Intelligenz mit Pflug und Sense; es sei nur recht und billig, daß die Intelligenz dem Volke mundgerechte geistige Nahrung reiche. Auch die französische und englische Sprache seien nur Mischsprachen. Noch vor 100 Jahren habe die deutsche Sprache auf einem tiefen Niveau gestanden, noch vor 80 die russische, in Urzeiten auch das Römische und Griechische. Grundlage jeder Sprach- und Schriftentwicklung sei das Volk. Aus dem Rohstoffe mache dann die Intelligenz ein kostbares Gefäß von wunderbarer Form. Er rate also Feder, er solle den beleidigten Lewin schriftlich um Verzeihung bitten. Die himmelstürmenden Maskilim, die sich vermessen mit rascher Hand das historische Leben des Volkes zu untergraben, sind für Jakob Samuel Bick nichts weniger als sakrosankt. Er ist auch weit davon entfernt, den Fanatismus des Volkes, das sich an ihnen rächen will, zu verurteilen. So erklärt er in seinem Brief an Samson Bloch aus dem Jahre 18271, die jungen Talmudisten, die nach weltlicher Bildung strebten, seien Abgesandte einer von allen Seiten belagerten Festung. Sie seien ausgezogen, um nützliche Verteidigungsmittel kennenzulernen. Wenn sie nun zurückkehrten und, statt die Heimatsmauern zu verteidigen, auf ihre alten Väter schössen, so seien sie als Verräter zu behandeln. Auch jetzt, nachdem das Judentum seine Selbständigkeit verloren habe, besitze es zwei Tribunale: das Rabbinatskollegium und das souveräne Volk. Todesurteile dürften zwar von beiden nicht gefällt werden, aber die allgemeine Verachtung bedeute den bürgerlichen Tod. Gegen Ueberläufer ins Lager der fremden Haskala dürfe das Volk sich verteidigen. Das sind für jene Zeit unerhörte Aeußerungen. Jakob Samuel Bick, der nicht ein idealisiertes jüdisches Volk, sondern die ihm am nächsten stehenden lebendigen Volksgenossen liebt, bedenkt auch bei seinen historischen Arbeiten, im Gegensatz zu Rapoport und Krochmal, weniger die entfernten, abgelegenen 1 M. Letteris Michtewe ibrith. Wien, Schlesinger, 1886, S. 123—125.