Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 193 (sequence 10)
- Language
- German
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193 leben gerührt, mit ihnen zu verkehren. Die Maskilim sind über diese scheinbare Apostasie entsetzt; Miesis und Rapoport suchen ihn zu bekehren. Letzterer in dem von uns• oben charakterisierten Jugendwerke. Als Rapoport in einem Briefe an Bick in ironischem Tone über eine in der Dunkelheit von Rabbi Hersch aus Zydaczow abgehaltene Sabbathmahlzeit berichtet, bei der einige der anwesenden Chassidim sämtliche Röhren der Kandelaber gestohlen hätten1, meint Bick, er habe es nicht nötig, den Führer von 200 000 Juden zu entschuldigen. Er bedaure es, daß Rapoport auf Grund einer bloßen Vermutung wie weiland die Revolutionstribunale von Marat und Robespierre seine Brüder verurteile, ohne die Lehre unseres Lehrers Rabbi Jakob Pollak zu beachten, der seinen Schülern empfohlen habe, in Angelegenheiten der Chillukim jedes Blatt G’mara, Poskim, Tosafot ein halbes Jahr lang zu studieren. Er solle doch seinem deutschen Lieblingsdichter nachahmen, der gesungen habe: einen Kuß der ganzen Welt! Wenigstens für ganz Israel müsse dieser Vers gelten, für alle, auch für die moralisch kranken Juden. Aber Jakob Samuel Bick liebt nicht nur das Volk, er liebt auch — wohl als der erste Maskil — dessen lebendige Sprache. Mendel Lewin hatte die Sprüche Salomons in die Sprache des jüdischpolnischen Volkes, den Jargon, übersetzt. Gegen die Uebersetzung war Tobias Feder, der bekannte und gefürchtete Pamphletist, in einer kleinen Schrift, ,,Kol M'chaz’zim“, energisch zu Felde gezogen. Der wohlgesinnte Bick will nun bei Feder intervenieren, um einen drohenden Skandal, die Kränkung des verehrten Altmeisters zu verhindern. Bicks Vermittlungsschreiben2 gibt — vielleicht zum ersten Mal in jener Zeit — einen Ueberblick über die sozialen und ökonomischen Bedingungen des Literatentums und der Literarkritiker. Der Brief beginnt mit einem Kompliment und einer gerechten Würdigung Feders, der auch heute, nach 100 Jahren, nichts hinzugefügt werden kann: ,מאו ראיתי חיבירוך קטן הכמות ורבי האיכות וידעתיך סופר מהיר בלשונינו הקודש, אהבתיך מאוד, ואמרתי: מעת שקעה שמש בן ואב זרחה שמש טוביה, Der reiche, angesehene Bick nennt den armen Schlucker Bruder. Er wolle nicht als Richter auftreten, sondern mit ihm wahre und billige Worte sprechen. Natürlich könne Feder tun, was er wolle. Eine Kritik neu erschienener Bücher könnten sich nur reiche Völker gestatten, die ihre Schriftsteller reichlich versorgen. Bei ihnen müsse die Ueberproduktion eingedämmt werden. Dem kleinen, verfolgten und mißachteten Häuflein hebräischer Literaten sei die Kritik bloß ein Hemmschuh. Die Politik biete hier ein Analogon. In volkreichen Städten und Ländern, wie Petersburg, Wien, Preußen, werde nur Gelehrten, Künstlern, reichen Leuten, Gebildeten der Einzug erlaubt, wogegen in dem dünnbevölkerten Polen und in der Ukraine jedermann willkommen sei. Feders Auftreten gegen einen bei Juden und Christen so beliebten Mann könne ihm selbst schaden, könne 1 Ozar ha-sifrot, III, 1889, Rubr. Orot me-Ofel (Licht aus der Dunkelheit), S. 25, dann Ozar ha-sifrot IV, 1892, S. 263—268. 2 Kerem Ghemed, I, S. 96—99. Monatsschrift, 72. Jahrgang.