Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 191 (sequence 8)
- Language
- German
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191 staltungsvermögen europäischen Künstlertums vermählt hat. Zweifel״ los ist der Gilgul Nefesch Erters Meisterwerk. Er führt uns eine voll״ ständige Galerie zeitgenössischer Typen vor. Mit wenigen knappen Strichen weiß er uns lebensvolle Gestalten aus dem galizischen Ghetto der Biedermeierzeit hinzuzaubern. Alle sind sie da. Der branntweintrinkende Chassid, der der andächtigen Menge Couplets auftischende Chasan, der Pächter, der Rebbe, der Jachsan und all die anderen Typen der damaligen galizischen oder überhaupt osteuropäischen Judenheit. Der tiefste Humor liegt in den Verwandlungsstufen, die die entwickelte, konkret gewordene Idee der Gleichwertigkeit darstellen. Hier und da ist es der Kontrast, manchmal die Strafe, durch die die Gleichwertigkeit betont wird. Ein deutscher Gelehrter — ich glaube Dr. M. Kaiserling — will in Erter nur einen Stilisten sehen, keinen Dichter. Er vergißt, wie sehr sich in den Werken unseres Maskil Form und Inhalt entsprechen. Erter fühlt sich in allem Ernste ohne jede Spur von Pose als direkten Nachfolger der Propheten. Zwar nicht als Propheten selbst, aber als das, was in seiner Zeit an die Stelle der N’biim getreten ist, als Zofeh. Da ist nichts natürlicher, als daß auch die Form sich an die altprophetische Art anlehnt. In der Tat haben wir, obwohl Erter im Programmaufsatze T'chunat ha-Zofeh nicht die Attribute der früheren Propheten in Anspruch nimmt, sondern nur vom ,,Beobachter“ und Lehrer spricht, bei der Lektüre der einzelnen Werke vielfach Gelegenheit, zu konstatieren, daß auch Erter seine — des Zofeh — Zusammengehörigkeit, ja Identität mit dem althebräisehen Nabi empfindet. Das trefflichste Kennzeichen des Dichters Erter ist der tiefe Ernst, die ehrliche Entrüstung, der blutige, hier und da zur feinen Ironie gemäßigte Spott, die seine sämtlichen Dichtungen durchziehen. Ueberall begegnen uns diese Kennzeichen, im Taschlich, der von heiligem, feierlichem Ernst getragen ist, den nur zuweilen beißender Sarkasmus mäßigt, ebenso wie in der witzigen Satire: Die Klage des Sanaj, Sansnaj und Smangelof. Leben und Dichtung ist bei den Haskaladichtern ein Ganzes. Als Erter seine satirischen Visionen zu schreiben beginnt, nehmen auch seine Briefe die Form dieser Satiren an. Charakteristisch ist der Brief Erters an Berisch Goldberg (Hazofeh, Edition Letteris, Warschau 1883, S. 112). Der Freund habe trotz Versprechens beim Abschiede schon lange nicht geschrieben. Er weile wohl am Letheström, im Lande des Vergessens — von einer Teufelshorde nach allen Regeln der chassidischen Sifre Mussar gequält und gehänselt. Aber es geschehe ihm schon recht! Er hätte seine feurigen Worte beachten sollen. Mit dem Lügen hätte er es weiter gebracht, hätte Reichtum und Ehre erworben. Der Vater würde ihm die sich in Sehnsucht verzehrende Tochter, der Ehemann die unfruchtbare Frau zuführen, damit er über sie vor den Umstehenden seine Hände, in der Stille seines Gemaches sein Gewand ausbreite. — Die Heilung liebebedürftiger Jungfrauen und unfruchtbarer Ehefrauen war geradezu eine Spezialität der chassidischen Quacksalber geworden, sie fordert noch heute die Spottsucht der zweifelsüchtigen Auf-