Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 188 (sequence 5)
- Language
- German
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188 sei die — ungeheuere Kälte. Er fühle nicht für das Volk, er wolle es weder erleuchten, noch erheben. Er denke nur an sich. Erters Hauptwerk ist der Gilgal Nefesch (1845). Die Seele eines von Erter behandelten Patienten erzählt hier ihre verschiedenen Wandlungen. Die Eltern dieses Patienten waren anfangs kinderlos gewesen. Die Frau hatte sich an die Heiligen um Rat wenden wollen. Der Mann war ungläubig gewesen. Trotzdem war die Mutter hingegangen, hatte den Segen empfangen und war schwanger geworden. Der ungläubige Mann aber, erzählt Erter in schalkhafter Naivität, blieb ein ' Unfruchtbarer sein lebelang. Als Ben K'doschim wird unser Held natürlich ein Chassid. Nach seinem frühen, durch eine innere Alkoholentzündung erfolgten Tode wird der branntweintrinkende Chassid zum wasserschluckenden Frosch. Der Frosch wird von einem Storch ergriffen, der ihn mit frommem Augenaufschlage verschluckt. Infolge dieser gottgefälligen Prozedur wandert nun auf Grund einer kabbalistischen Regel die Seele des Frosches in die Seele eines Chasan (Kantors). Als Chasan entzückt er die innerhalb und außerhalb der Synagoge sich herandrängenden Massen ■— zur Verzweiflung aller echten Kenner — durch Gassenhauer und Theatermelodien, er ißt reichlich und betrinkt sich und wird zum stummen Fische, freilich zum Wasserwolfe (Hecht), der innerhalb seiner Umgebung Verwüstungen anrichtet. Der gefangene Hecht kommt unter das Messer der Köchin und stößt einen Schrei aus. Auf'Grund des Urteiles des Stadtrabbiners wird er in Leichengewänder gehüllt und ordentlich zu Grabe getragen. Die Seele des Wasserwolfes fährt in einen Lichter- und Fleischgefällpächter. Da hört er, der Kaiser habe die Fleisch- und Lichtpacht aufgehoben. Jetzt trifft ihn der Schlag und seine Seele fährt in eine Nachteule. Als menschenähnlicher Nachtvogel weilt er tagsüber in einer verlassenen Schloßruine, um im dunklen Nachtschauer mit klagendem Geheule über seine Opfer herzufallen. Ein heiliger Rabbi hört seinen letzten Seufzer, sagt: Boruch Dajan Emeth — mein Gegner ist hin! Durch diesen Irrtum wird die Nachteule, über die der Segen eines Heiligen gesprochen wurde, zum Mekubbal (Kabbalist, Gnostikos). Nicht lange dauert es, und unser Mekubbal erachtet es für zweckmäßig, sich als Messias zu proklamieren. Dazu muß er aber den höchsten Gipfel der Wundertätigkeit erklimmen: er muß sich unsichtbar machen können. Er begann also die vorgeschriebenen Kasteiungen, badete die vorgeschriebenen 310 mal. Vom letzten Bad auf die Gasse tretend, wollte er die neu erlangte kostbare Eigenschaft erproben. Der Moment war günstig. Eben ging ein nicht jüdischer Kriegsmann vorbei. Unser Mekubbal versetzte ihm eine Ohrfeige und wairde von ihm prompt totgetreten. Weil er aber in seinem Uebermut als Mekubbal himmelwärts gestrebt und sich Blendwerk zugewendet hatte, steigt jetzt seine Seele abwärts und gelangt in einen Maulwurf. Der Maulwurf wird zum Totengräber. Er bringt es durch Geduld und Beharrlichkeit zum Gemeindevorsteher, zum Kassierer der Chewra-Kadischa. Das viele Geld, das durch seine Hände geht, macht ihn klug. Der Arme, denkt er, hat sein Leben lang kein Brot gehabt; was soll ihm nach dem Tode ein Leichenstein? Das Geld wird auf den häufigen S’udot, den Mahlzeiten der Chewra-Kadischa,.