Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Medizin im Sohar
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 180 (sequence 14)
- Language
- German
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180 wozu noch ein aktiver Sinn, דבור Rede hinzukommt, und dieser mag immerhin, wie gewisse Formen der Aphasie bezeugen, als innerer Sinn gelten. Von den 3 Hirnhöhlen gelangt der Liquor in die Ohren, nimmt dort den Ton auf und führt ihn ins Gehirn, damit man alle 3 Kategorien des Geistes verstehe. Der äußere Gehörgang ist krumm, damit der Ton nicht zu rasch eindringe und besser haften bleibe. Biege dein Ohr und höre, Dan 918. Bei denjenigen aber, deren Wege krumm, ist der Gehörgang gerade; die Stimme dringt zu rasch ein, bleibt gar nicht haften, kommt vielmehr sofort zum Munde wieder heraus; und das sind die Enthüller der Geheimnisse, III 138 a, 294 b (R. M.). Man glaubte nämlich an eine Verbindung des Trommelfelis mit der Zunge, die sofort nachspricht, was jenes hört; und so lernt das Kind sprechen, Hyrtl S., 63. Die Zeugung ist das wichtigste Motiv des Sohars und wird besonders in seinen angeblich ältesten Stücken, im סברא דצניעותא, II 176 b, und in den beiden ,,Kammern“ (אדרא), III 127b, 287b, vorgetragen. Bodenloser Unsinn ist noch lange keine Mystik, wird es aber, wenn man unergründlichen Tiefsinn darin sucht. Diesen Eindruck gewinnt man zwangsläufig, wenn man diese berühmten Stücke zum erstenmale liest. Bedenkt man aber, in welch unbeholfen holperiger, absichtlich verhüllter Weise der Sohar auch den einfachsten Gedanken auszudrücken pflegt, so kann man sich leicht vorstellen, welche Formen da wirklich schwierige Gedankengänge annehmen werden, die dann freilich ans Unverständliche grenzen können. Der Sohar kann eben, schon seinem Gefüge nach, nur in seiner Ganzheit verstanden werden, niemals aber in einzelnen Stücken, und ־wenn man sich auch noch so sehr darin vertiefen mag. Mystik und Erotik sind — darüber braucht man nicht erst bei der Psychoanalytik anzufragen — innigst miteinander verquickt. Das ist der zweite Gedanke, der sich da wohl jedem unwillkürlich auf drängt. Aber auch das trifft fürden Sohar nicht zu, und alle Angriffe, die man in dieser Hinsicht seit G r a e t z erhoben hat, sind höchst ungerecht. Die Mystik der Zeugung wird auch von dem s t e r - b enden R. Simonben Jochai vorgetragen; nun wird doch niemand glauben, daß man da dem schon im Talmud hochgefeierten, sagenumwobenen Tannaiten als letzte Worte Zoten in den Mund gelegt habe! Im Gegenteil, das erhabenste Gesetz der Natur und erste Gesetz der Bibel wird dajederErotik entkleidet, zu einem für die Frömmigkeit der Nachkommen hochbedeutsamen religiösen Akt gestaltet und demgemäß mit Recht in die höchsten Sphären gehoben, was in der Folge sehr viel zur Keuschheit auch innerhalb der Ehe beigetragen hat. Und wenn da der Sohar bildlich von Kohabitation in der oberen Welt spricht, ward nicht das Hohe in die Tiefe gezerrt, vielmehr das vermeintlich Niedrige emporgehoben. Die Zeugung ist nach kabbalistischer Auffassung keine vegetative Verrichtung (גשמיות), vielmehr eine rein geistige (1(רוחניות, die einzige, an der, schon nach subjektivem Gefühle, der gesamte Organismus teilnehme; denn nur so konnte man sich die Vererbung bis in die letzten körperlichen und geistigen Einzelheiten hinein 1 Deshalb heißt es: יידע את חוה Gen 4.