Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Medizin im Sohar
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 169 (sequence 3)
- Language
- German
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16fr reines Passivum, die Untätigkeit der Gnade, dar; und so kam denn, auch das ewig passive Weibliche zu der unerwarteten mystischen Rolle, die Strenge zu verkörpern. Mit dem höchsten Wesen ist eben das aktiv Böse völlig unvereinbar1. Gott straft niemals aktiv,, er entzieht bloß seine Gnade, und der Menschensohn mag dann Zusehen, wie er ohne diese — gleich ohne Atem — auskommen könne.. Damit ist nun auch die nur dem Menschen eigene und schon in der Bibel vielfach auch auf Gott bezogene Rechtshändigkeit — schon an sich ein Mystikum! — zur höchsten mystischen Bedeutung gelangt. Mit der linken Hand wird der Gegenstand gefaßt (passiv) und mit der rechten bearbeitet (aktiv). Das Gute gilt also als aktiv, rechtsseitig, das Böse hingegen wird durchweg auf die Liste der minderwertigen passiven linken Seite gesetzt. Leitmotiv: Cant 26. (Seine Linke ist unter meinem Haupte, und seine Rechte liebkost mich). Weltenleben heißt immerwährender Ausgleich der Gegensätze2; sind diese einmal endgültig ausgeglichen, so bedeutet es den Weltentod; daher: גם את וה לצמת וה עשה Eccles 714. Diese Notwendigkeit der Gegensätze ist überdies schon logisch gegeben, denn: ,,ohne Dummheit keine Weisheit3, ohne Finsternis kein Licht, ohne Schwarz kein Weiß, ohne Bitter kein Süß" (III 47 b) und ״gäbe es keine Frevler, so wären die Frommen als solche gar nicht zu erkennen"' (II 20 b). Weiß man alles, so weiß man gar nichts, und ist man überall,, so ist man eben nirgends. Ohne Endlichkeit keine Unendlichkeit,, weshalb denn auch Gott erst nach der Schöpfung der Unendliche genannt wird, vorher aber אין. Zur Vereinigung der Gegensätze,, die ja bestenfalls — gleich plus und minus — einander aufheben würden, bedarf es aber noch gewisser Bindeglieder, Ambozeptoren,, die die Eigenschaften beider in sich vereinen, daher beiderseits sich mit ihnen verankern können4, z. B. Wasser — Luft — Feuer usw. Rechts und Links wird also überall — wie beim menschlichen Körper,, so auch in der oberen Welt — durch ein Mittelstück verbunden, jede Ganzheit wird zur Dreiheit, und dies ergibt auf der ganzen Linie,, von der höchsten absoluten Einheit abgesehen, ein höchst verwickeltes System von Dreiheiten niederer und höherer Ordnung, das auch in 1 Da gibt es überhaupt keine Gegensätze; da ist alles Rechts, alles Weiß, alles Gnade; - III. 135. b. 2 Es ist das, was in der Physik Potential genannt wird, ohne welches- Entfaltung der Energie, welcher Natur und Größe immer, gar nicht, denkbar. 3 Der berühmte R. H a m n u n a pflegte seinen Vorträgen immer auch einige Scherze zu untermischen, damit die Hörer so recht ersähen,, was eigentlich Weisheit sei III 47 b. Also ist alles nur Relation, und da diese in Zahlen ausgedrückt wird, kommt letzteren eine besonders hohe Bedeutung zu (Zahlenmystik). 4 Der Bischof von Emesa, Nemesius (4. Jh.) lehrt: die Elemente,, aus denen der Körper besteht, sind z. T. einander entgegengesetzt und erfordern zu ihrer Vereinigung gewisse Miitelsubstanzen, die sie miteinander verbinden: Sprengel II 426. (Neuerdings hat Jaeger in seinem Buche Nemesios von Emesa das ״Syndesmos-Motiv“ auf den Philosophen Poseidonios zurückgeführt, der zweifellos durch Vermittlung von Ptolemaios und Galen auf die naturwissenschaftlichen Anschauungen der Juden des Mittelalters gewirkt hat. LH.)