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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1928-01-01 · Heft 2 · p. Seite 168

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
72 (1928)
Issue
Heft 2
Article
Die Medizin im Sohar
Date
1928-01-01
Page
Seite 168 (sequence 2)
Language
German
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168 der Leser mag Zusehen, wie er sich diese zusammenklaubt und zu irgend etwas zusammenstoppelt. Es ist — nach bekanntem Muster einer mystischen Musik — eine unendliche Melodie, mit zahlreichen allegorisch verhüllten Haupt- und Nebenmotiven, die förmlich einander jagen, sich unzähligemale wiederholen, durchkreuzen, durchschlingen und überstürzen — die aber immer bloß anldingen und nur selten zur vollen Auswirkung gelangen. Diese Bibel der Kabbala wird denn auch viel gelobt, viel getadelt, aber kaum gelesen und — wenn schon — oft auch noch mißverstanden. Wohl erklärt sich der Sohar zumeist selbst, doch geschieht dies an so zerstreuten, entlegenen Orten, daß es einem da genau so ergeht, wie mit dem Talmud: man müßte ihn erst auswendig kennen, ehe man ihn mit Erfolg zu studieren beginnen kann. Auch mit der Folgerichtigkeit ist es mitunter arg bestellt, und das ist ein weiterer schwerwiegender Uebelstand, dem manchmal gar nicht abzuhelfen ist. Man bleibt also — wie eng immer auch die Grenzen der Fragestellung gezogen sein mögen ־— niemals der nicht geringen Mühe enthoben, das ganze Werk genau durchzunehmen und hat auch so — zumal der, theologischen Dingen fernstehende Arzt — Lücken und Irrtümer zu gewärtigen. Der Sohar ist in seinen Grundzügen und wichtigsten Hauptstücken so sehr von medizinischen Anschauungen durchsetzt, daß er füglich als mystisch-medizinisches Werk gelten könnte. Es ist von Gen 126, also von Makroanthropos und Mikrokosmos ausgehend — wenn man so sagen darf — Anatomie und Physiologie der• Gottesherrschaf t (Merkaba), wie Mystik der menschlichen Anatomie und Physiologie. Gleichwie die von Gott emanierte, unsichtbare und unfaßbare Seele, am höchsten (ü b e r der Gehirnrinde) thronend, den Körper regiert, aber nicht unmittelbar, sondern nur durch Vermittlung •gewisser, funktionell und örtlich einander übergeordneter Organe, von denen die edleren, geistigen und die Lebenskraft spendenden (Gehirn Wasser, Lunge Luft, Herz Feuer) natürlich in der oberen Region, die materiellen, vegetativen hingegen (Leber, Magen, Milz usw.), durch einen ״Himmel“ (Zwerchfell) geschieden (I32b), in der unteren ihren Sitz haben: so auch beherrscht das unendliche, höchste, über dem siebenten Himmel thronende Wesen das Weltenleben nicht unmittelbar, sondern nur durch ein selbstgeschaffenes System neben- und hintereinandergeschalteter,funktionell und örtlich entgegengesetzter Organe (Sephiroth), die in der oberen Welt — wo nur Wasser, Luft und Feuer — ihres Amtes walten und den nie versiegenden Strom der Gnade durch Röhren צנורות (gleich den Arterien) zur grobmateriellen Erde hinableiten oder auch — hemmen. Und gleichwie grobe Verstöße des vegetativen Systems (Völlerei usw.) auf die Funktion der oberen edlen Organe störend zurückwirken, ebenso wird durch Sünden פשע (III 133 a Idra rabba), der Gnadenstrom 1שפע automatisch eingeengt oder gar ausgeschaltet. Diese furchtbare Himmelskraft wird גבורה oder דין benannt und durch das Feuer versinnbildlicht, stellt aber gleichwohl bloß ein 1 Rabad 16b hat den modern anmutenden Gedanken, daß das שפע bei seiner raschen Bewegung zur Erde in Wärme umgesetzt wird.

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