Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zur neuesten Pentateuchliteratur [Rezension]
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 141 (sequence 26)
- Language
- German
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141 hinzu. Nun heißt es bei Jeremia: ,,ihre Söhne und ihre Töchter im Feuer zu verbrennen, was ich nicht geboten habe und was mir nicht in den Sinn gekommen ist/‘ Man wird annehmen dürfen, daß er sich mit leidlicher Genauigkeit ausgedrückt hat. Daß er Gelegenheit hatte, die Zustände kennen zu lernen, steht außer Frage. Man. wird daher "folgern müssen, daß, wenn er von ,,Söhnen und Töchtern“ spricht, er eben das meint, was er sagt, und nicht ,,Söhne und Töchter, soweit sie nicht Erstgeburt sind.“ Diese Folgerung wird unwiderleglich durch die ungeheure Fülle von Tatsachen, die uns zur Verfügung steht. Im Patriarchenzeitalter hätten nicht nur Isaak, sondern auch Ismael, Esau, Rüben, Josef und viele andere der Sitte zum Opfer fallen müssen, wenn sie bestanden hätte. Für die spätere Zeit gilt dasselbe. Es gibt nicht den winzigsten Anhaltspunkt dafür, daß Mose oder irgend sonst ein Israelit, von dem wir Kunde haben, außer Jefta, sein Erstgeborenes darbrachte. Wir wissen hingegen von Fällen wie dem Simsons oder Samuels, die unbegreiflich wären, wenn ein Gesetz der Art, wie es Wendel annimmt, existiert hätte. Der Fall von Jeftas Tochter, weit entfernt davon, die Idee zu stützen, widerlegt sie vielmehr. Sie war das einzige Kind (Ri II34), und wenn ein solcher Brauch bestanden hätte, so wäre sie bald nach der Geburt geopfert worden. Die anderen Teile des Gesetzes kennen eine solche Sitte ebensowenig. Man nehme zum Beispiel eine Stelle wie Dt 2115-17. Hätte sie geschrieben werden können, wenn der Gesetzgeber von einem solchen Brauch gewußt hätte? Und hätte das Deuteronomium ihm nicht in den deutlichsten Ausdrücken verbieten müssen? Und Gen 22 behandelt, so wie es dasteht, die beabsichtigte Opferung Isaaks ganz klar als etwas völlig Ausnahmsweises, das in diesem einen Fall aus einem besonderen Grunde und von Anfang an mit der Absicht, daß es nie ausgeführt werden sollte, geboten wurde. Hätte das Kapitel so, wie es uns gegenwärtig vorliegt, geschrieben werden können, wenn der Brauch allgemein gewesen wäre? Kurz, wohin wir uns auch wenden, überall zeigt uns eine überwältigende Fülle von Zeugnissen, die dem gesamten verfügbaren Beweismaterial entnommen sind, daß die Leute, die ein solches Gesetz gehabt haben sollen, nicht das mindeste davon wußten. Das beweist, daß Wendeis Erklärung gänzlich verkehrt ist. Der letzte Punkt, der erwähnt werden muß, ist die Behandlung des Gottes der Bibel. Der oben gegebene Auszug zeigt, wie Wendel ihn ansieht. S. 170 zieht er aus Ex 2318 ernsthaft den Schluß, daß er ,,der Nachtdämon“ ist. S. 196 erlaubt er sich, ohne auch nur irgend einen Anhaltspunkt dafür anzugeben, die Bemerkung, er ,,verlangte das Keuschheitsopfer vielleicht zu einer Zeit, da er noch halb Dämon war.“ Hierzu ist zweierlei zu bemerken: Erstens liegt klar zu Tage, daß keiner, der auch nur die geringste Befähigung zur Behandlung geschichtlicher Fragen hätte, so schreiben könnte. Geschichtliches Verständnis, Sinn für Humor, für Proportionen, Prüfung des einschlägigen Beweismaterials, elementare Fähigkeit, vernünftig zu denken, jedes von all diesen Dingen allein könnte schon einen Forscher davor bewahren, solche Theorien über eine Gottheit vorzubringen, , deren Einfluß auf ihr eigenes Volk und auf die Welt gleich dem des Gottes der Bibel gewesen ist. Zweitens würde eine derartige