Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zum 10jährigen Todestage Hermann Cohens
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
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115 Kants in seinem wissenschaftlichen Gehalt erarbeiten und zur sieghaften wissenschaftlichen Erneuerung bringen. Es folgen jene Abhandlungen, die philosophie-geschichtlich und systematisch Neuland erschließen und erst durch ihre Veröffentlichung in den Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte wieder allgemein zugänglich geworden sind: ,,Die systematischen Begriffe in Kants vorkritischen Schriften nach ihrem Verhältnis zum kritischen Idealismus", über ,,Platos Ideenlehre und die Mathematik", ,,Das Prinzip der Infinitesimalmethode und seine Geschichte", ,,Von Kants Einfluß auf die deutsche Kultur", die große Auseinandersetzung über das Verhältnis der Philosophie zu ihrer Geschichte, der Psychologie zur Metaphysik, der Logik zur Physik, der Ethik zur Religion, der Ethik zur Politik in der ,,Einleitung mit kritischem Nachtrag zur neunten Auflage von Langes Geschichte des Materialismus". Und wie das wissenschaftliche Lebenswerk aus einem Guß ist, Erneuerung des Platonismus, des rationalen Idealismus im Zeitalter der mathematischen Naturwissenschaft, der Technik und des politischen Materialismus, auf der Grundlage der Theorie der ־wissenschaftlichen Erkenntnis, offenbart sich die Einheit von jüdischem Ethos und klassischem Idealismus in der Persönlichkeit Cohens als Wurzel und Kern aller menschlichen Beziehungen zu Freunden, Gelehrten und Künstlern, als Grundlage der Stellungnahme zu den Mächten der Zeit in Staat, Wirtschaft, Bildungswesen und Politik. Dies alles, dieses große, heiße, kämpferische, wahrhafte und treue Mannesleben erhebt sich in diesen Abhandlungen und Nachrufen, in den Worten des Zornes und der Liebe, der Sorge und des Vertrauens zu einem mächtigen Denkmal des großen Kämpfers für den Primat der Idee in Wissenschaft und Leben, der der Unsrige war und bleibt. Wir erfüllen sein Vermächtnis, nicht wenn wir auf die Worte des Meisters schwören, sondern indem wir seine kritische Besonnenheit und methodischen Ernst, Tiefe und Wahrheit daran wenden, die immer neu werdenden Probleme der Philosophie, des Wissenschaftliehen Idealismus, des jüdisch-religiösen Ethos zum Quellpunkt des geistigen Lebens in uns und soweit die Macht des Idealismus in der Menschheit reicht, zu machen. Grade durch das Werk Cohens ist die Arbeit der systematischen Philosophie, die Jahrzehnte geruht hat, wieder in den gesicherten Gang methodischer Bemühung gekommen. Zugleich aber sind die Probleme, die der geistigen Lage der Zeit entstammen, neue und andere geworden. Gegenüber dem absoluten Rationalismus Cohens ist das Wirklichkeitsbewußtsein, gegenüber dem mathematischen Naturbegriff die Eigengesetzlichkeit des Organischen, gegenüber der mechanistisehen Psychologie die Struktur der Persönlichkeit, gegenüber der bloßen Wertbeziehung der Kausalität in der Cohenschen Geschichts- Philosophie das Ineinander biologischer, wirtschaftlicher, sozialer, politischer Tendenzen und der auf ihrem Grunde in unableitbarer Mannigfaltigkeit sich entfaltenden und sie bestimmenden Welt individueller Werttotalitäten zur Geltung zu bringen. Gegenüber dieser soviel differenzierteren, spannungsreichen Welt der Wirklichkeit und des Geistes ist es um soviel schwieriger, jene letzten meta- 8*