Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die Beziehungen der Juden zur Freien Hansestadt Bremen von 1065 bis 1848
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 457 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2829132-2829943-2829950-2834310--47910-2834394- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
457 Zur Erzielung größerer Duldsamkeit, die jedoch in der Hauptsache auswärtigen Juden, welche vorübergehend in Bremen anwesend waren, zugute kam, bedurfte es erst eines Machtspruchs Napoleons1. Im Namen seiner Regierung verlangte der französische Konsul Lagau von der bremischen Regierung, die französischen, holländischen und neapolitanischen Juden sowie die Juden des Großherzogtums Berg oder eines andern Frankreich befreundeten Staates genau wie alle andern französischen Bürger zu behandeln; der Kaiser würde ernstlich erregt sein, wenn die Stadt Bremen in den Verdacht der Unduldsamkeit geriete oder derselben gar überführt würde. — Im Jahre 1807 hatten die Juden immer noch Sonderzölle in Bremen zu entrichten: zunächst den berüchtigten ,,Leibzoll, der den Juden auf eine Stufe mit dem Tier stellte; dann die ,,Recognitionsabgabe“, die für die Erlaubnis zu kürzerem Aufenthalt galt; außerdem Abgaben für die Erlaubnis, Handel zu treiben, an den Viehmarkten und am Bremer Freimarkt teilzunehmen; auf letzterem gab es einen besonderen ,,Judenmarkt“, der den Juden zum Feilbieten ihrer Waren reserviert war, Damals wurde auch über eine eventuelle Milderung des Juden- Eides und über die Möglichkeit verhandelt, die zivilrechtlichen Verhältnisse zwischen Juden und Christen zu ändern, doch es kam nichts weiter dabei heraus, als daß einige Abgaben erleichtert und daß der schimpfliche Judenzoll abgeschafft wurde. Außerdem erließ man ein neues Regulativ für die Torwachen, das ihnen eine besonders höfliche Behandlung der im eigenen Wagen oder per Extrapost ankommenden Juden einschärfte. An die Aufhebung der polizeilichen Ueberwachung oder Aufenthaltsbeschränkung oder gar an eine würdigere Behandlung der einheimischen Juden war jedoch kein Gedanke. Im Dezember 1809 richtet eine Anzahl Bremer Bürger, an ihrer Spitze Herman Fleyman, D. Kulenkamp, S. Lürman, Hinrich Retberg, ein Gesuch an den Senat, dem für sie unentbehrlichen Leichdorn-Operateur Jos. Simon Eisenhart aus Braunschweig die Niederlassungsmöglichkeit zu erteilen, das der Senat innerhalb 5 Tagen glatt ablehnt2. Der Zuzug ist dennoch erfolgt; Eisenhardt starb hier 1825 und sein Sohn S. K. Wilhelm Eisenhardt, der 1836 die Taufe nahm, war derjenige, der 1848 zuerst den Antrag auf Zulassung der Juden erneuerte3. — Deutscher Zunftgeist, verbunden mit verknöchertem Luthertum, gönnte den Juden das Atmen nicht; die wenigen, die sich unter französischem Schutz in Bremen angesiedelt hatten, konnten unter den Schikanen engherziger Patrizier nicht vorwärtskommen, denn in den Augen der bremischen Behörden blieben sie nichts anderes als ,,durchreisende Leibzollzahler“ und den kleinen Vorteil der Emanzipation genossen nur die durch ihr früheres hannoversches Schutzrecht bevorzugten Familien: Hesekiel Abraham, Hesekiel Jacob 1 Riithnick, Bürgermeister Smidt und die Juden. 2 Bremisches Staatsarchiv: Judenakten: P. 8. E. 2b. 3 Nach Mitteilungen, die ich dessen Schwiegersohn Martin Rasch verdanke, war Eisenhardt (1852) der Begründer der ,,Neuen Sparkasse“, die, er bis 1872 als leitender Direktor verwaltete; er gründete dann in Vegesack die ״Freie Presse an der Untemeser“ und starb daselbst am 1. April 1890.