Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die Beziehungen der Juden zur Freien Hansestadt Bremen von 1065 bis 1848
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 448 (sequence 5)
- Language
- German
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448 und konnte sich nur durch politische Machtmittel wehren, so daß der Boden für die Einwanderung den Juden nicht günstig war. Für die wenigen im Machtbereich des Hansabundes ansässigen Juden brachten die Schrecknisse des schwarzen Todes schwere Zeiten mit sich. Die niedrigsten Anschuldigungen gegen die Juden teilte der Rat von Lübeck dem Herzog Otto von Braunschweig-Lüneburg als Ergebnis eigener Untersuchung mit1. Immerhin hatte der Norden Deutschlands am wenigsten Judenbrände aufzuweisen: vor allem können sie in Niedersachsen nur ganz vereinzelt vorgekommen sein, obgleich dort schon mehrere Gemeinden bestanden. Daß die Sage von der Vergiftung der Brunnen durch die Juden auch in unsere Gegend gedrungen war, beweist eine Diepholzer Urkunde2; die erwähnte Wildeshauser Verfolgung basierte nur auf Habsucht3, um sich der beschlagnahmten jüdischen Hinterlassenschaft zu bemachtigen. — Der hamburgische Geschichtsschreiber Lappenberg führt beim Jahre 1324 einen Ludbertus Judaeus aus Bremen an, und an den verschiedensten Orten werden Bürger erwähnt, die den Namen oder Beinamen Judeus führen; möglichweise stammen sie von Juden ab, und sie selbst oder ihre Vorfahren wurden getauft4. Bei einem in bremischen Urkunden aus den Jahren 1323 bis 1337 erwähnten ,,Ludbertus de Huntorpe dictus Jode“ scheint es sich um den von Lappenberg erwähnten Mann Ludbertus zu handeln, der einen schwunghaften Handel mit Ländereien betreibt5. Auffällig erscheint, daß dieser Ludbertus, der gemeinsam mit seiner Gattin Margareta dem Kapitel und den Vikaren zu St. Willehad 21 St. Land in Walle vermacht, in der betr. Urkunde• schlechtweg als ״civis bremensis“, also als Bremer Bürger bezeichnet wird, ohne den sonst fast regelmäßig vorkommenden Zusatz: dictus Jode. Es scheint sich also in der Tat um einen getauften, aus dem Oldenburgischen stammenden Juden zu handeln, der sich seiner Kirche, mit der er manchen Geschäftsabschluß in Ländereien zu tätigen verstand, recht dankbar erwies. — Ein lebhaftes Bild zeichnet der bremische Geschichtsschreiber von Bippen, wie es zur Zeit des schwarzen Todes in Bremen aussah6. ,,Gott selber schien mit Bremen zu streiten. Denn in den Mauern herrschte der große Tod, die furchtbarste aller Seuchen, von denen die europäische Geschichte Kunde bewahrt hat. Grausamer als die Kriege vieler Jahrzehnte raffte sie die Menschen dahin, als wollte sie das ganze Geschlecht vertilgen. — Schon seit drei Jahren war die aus dem fernen Asien eingeschleppte Beulen־ pest in Europa eingezogen, hatte die südlichen Länder in entsetzlicher Weise verheert, im Jahre 1348 auch Deutschland ergriffen und hier im folgenden Jahre mit kaum minderer Gewalt geherrscht als in Venedig, Florenz, in Genua, Barzelona und Avignon. Erst das Jahr 1350 brachte den schwarzen Tod auch in das nördliche Deutschland. Mitten während der Fehde gegen den Grafen Moritz von Oldenburg und gewiß im Zusammenhang mit der Heranziehung fremder Söldner hatte die Krankheit sich in die Stadt emgeschlichen und in der Masse von Menschen, die sich vom platten Lande her vor der Kriegsgefahr 1 Caro, a. a. O. — Lüb. Urkunden buch, II, T. 2 (1858) S. 103/7, Nr. 110. 2 Vgl. Kohl, a. a. O. 3 Vgl. Kohl, ,,propter causas rationabiles“. 4 Stobbe, a. a. O. 5 Brem. Urkundenbuch, Bd. II. 6 Bippen, Geschichte der Stadt Bremen, Bd. I, S. 201.