Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die Beziehungen der Juden zur Freien Hansestadt Bremen von 1065 bis 1848
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 445 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829943-2829950-2834310--47898-2834382- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
445 gesagt, daß ihre Niederlassung gleich bei der Gründung erfolgte1. Bemerkenswert ist, daß die juden in größerer Zahl nur in der südlichen Hälfte von Deutschland und im Westen, dagegen bis in das Ende des 13. Jahrhunderts und zum Teil noch bis in spätere Zeiten hinein so gut wie gar nicht in den an der Ost־־ und Nordsee gelegenen Städten und in den nördlichen Marken Vorkommen. Und dieser Umstand rechtfertigt die Annahme, daß sie großenteils von Italien und Frankreich nach Deutschland eingewandert2 sind; andererseits scheint ihnen im nördlichen Deutschland die Hanse entgegengetreten zu sein und keinen günstigen Boden für ihre Geldunternehmungen gelassen zu haben. Das war zweifelsohne der Grund, daß Juden im Nordischen Handelskreis auffallend schwach vertreten waren. Daß sie in den deutschen Seestädten überhaupt nicht Zulaß fanden, kann nicht bewiesen werden3. Wohl hat z. B. Herzog Barnim I. von Pommern in einem Privileg für Greifswald 1264 verfügt, daß die ,,allerungläubigsten Juden“ aus der Stadt verbannt sein sollten und nicht zurückkehren dürften, doch steht ein solcher Vorgang ganz vereinzelt da. In Stettin und anderwärts in Pommern lebten damals Juden. Auch von den mecklenburger Seestädten waren sie nicht ausgeschlossen. — In Berlin werden Juden zum ersten Male im Innungsbrief der Wollenweber4 vom 28. Oktober 1295 erwähnt, in dem es den Gewerksgenossen verboten wird, sich der Juden zum Garnankauf zu bedienen. Die erste urkundlich belegte Nachricht über das Vorhandensein von Juden in der Mark Brandenburg stammt aus dem Jahre 1247, als Juden wegen angeblicher Hostienschändung auf dem Judenberg5 bei Beelitz den Scheiterhaufen besteigen mußten. In Osnabrück wird zuerst 1267 ein Jude erwähnt, der sich ein Haus kauft6, und schon vom Jahre 1272 an begegnen uns Juden auf dem platten Lande im Oldenburgischen, und zwar keinesfalls als Händler, sondern als Ansiedler, deren ,,Jodenstraten" in vielen Urkunden Erwähnung finden. In der Stadt Oldenburg wird zuerst 1334 ein Jude genannt; im Jahre 1428 ist von einem gewissen Moses auf dem Damme vor Oldenburg, wahrscheinlich einem gräflichen Schutzjuden, die Rede. Anno 1625 besaß ein gewisser Abraham Arons, der jedenfalls getauft war, ein Haus in der Gaststraße, und 1 Stobbe, a. a. O. 2 Als Beweis kann die Tatsache dienen, daß viele Minhagim der jüdischen Gemeinden Aurich und Venedig die gleichen sind. Vergl. K. Anklam, Die Judengemeinde in Aurich, MGWJ S. 194 ff. 3 Caro: Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter (Die Juden in Deutschland), Bd. I, S. 43:5. 4 Jacobson und Segall: Jüdisches Jahrbuch für Groß Berlin 1926, S. 11. 5 In Bremen werden sogar 2 Jodenberge erwähnt. Der eine, auf dem eine Lohmühle stand, war die Stätte des alten Hochgerichts und einer Dingstatte. Der kleine Hügel wurde 1887 mit den Häusern Doventorsteinweg 56/66 bebaut. Dieser Jodenberg hieß auch Jodutenberg oder Koppelberg. — Der zweite Jodenberg lag in Utbremen. Obwohl die Geschichtsschreiber jede Verbindung dieser Jodenberge mit Juden außer acht lassen, scheint dennoch ein Zusammenhang bestanden zu haben. In einer judenreinen Stadt nennt der Volksmund den Jodutenberg nicht in Jodenberg um. Vielleicht bandelt es sieb um ״ Judenbrand“-Plätze a la Beelitz aus der Zeit der schwarzen Pest. 6 Dietr. Kohl, Juden in Oldenburg und Bremen während des Mittelalters (Wissenschaftliche Beilage der Weser-Zeitung v. 17. Sept. 1925).