Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die Beziehungen der Juden zur Freien Hansestadt Bremen von 1065 bis 1848
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 444 (sequence 1)
- Language
- German
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444 Die Beziehungen der Juden zur Freien Hansestadt Bremen von 1065 bis 1848. Erweitert nach einem Vortrag in der Festsitzung des Vorstands und Gemeinderats der Israelitischen Gemeinde za. Bremen am Sonntag, 5. September 1926, anläßlich des 50 jährigen Synagogen-Jubiläums1. Von Max Markreich in Bremen. Bislang ist keine Geschichte der Juden in Bremen geschrieben worden. Die alten Urkunden lehren, wie sehr unsere Vorgänger sich bemüht haben, in dieser alten Reichs- und Hansestadt festen Fuß zu fassen; wie jedoch bis an die Schwelle der Neuzeit niedersächsische Hartnäckigkeit die Politik des kleinen Stadt-Staates beherrschte und die Juden aus seinen Mauern fernhielt. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts gelang es einzelnen jüdischen Familien, sich einen vorübergehenden Aufenthalt zu erwirken, ohne eine Heimatberechtigung oder Einbürgerung durchsetzen zu können. Als Bürgermeister Smidt am 29. März 1815 anläßlich des Wiener Kongresses in einer für den preußischen Minister Hardenberg bestimmten Denkschrift2 seine Ansichten ,,Ueber die Verhältnisse der Juden in der freyen Hansestadt Bremen“ auseinandersetzte, konnte er im Hinblick auf die judengegnerische Praxis des bremischen Senats mit Recht sagen: ,,Bis zum Jahre 1803 gab es in Bremen und dessen Gebiet durchaus keine Juden“. Das Jahr 1803 ist daher als das Entstehungsjahr der Israelitischen Gemeinde Bremen anzusehen, und erst von diesem Jahre ab beginnt eine fortlaufende Geschichte der bremischen Juden. Während die Geschehnisse nach dem Gründungsjahr der Israelitischen Gemeinde größtenteils bekannt sind, soll uns nunmehr die Frage beschäftigen: Welche Beziehungen bestanden vor dem 19. Jahrhundert zwischen Bremen und den Juden? Die landläufige Auffassung, daß während des Mittelalters keine Juden in Bremen gewohnt haben, ist irrig. Die Staatsbehörden haben es zwar verstanden, die Juden von sich fernzuhalten, aber das damals starke kirchliche Regiment hat jüdischen Kaufleuten und Aerzten Schutz gewährt, um ihre Kenntnisse und Fähigkeiten den Zwecken der Kirche nutzbar zu machen, wobei es zuweilen auch gelungen sein mag, manch einen in den allein seligmachenden Glauben hinüberzuziehen, aus dem es dann kein Entrinnen mehr gab. — Während des Mittelalters begegnen uns Juden in vielen Städten und nur ausnahmsweise als Landbewohner; es hat den Anschein, als ob die Juden mit zum Begriff der Stadt gehört haben3. In der Geschichte des Wuchers4 wird darüber kurz erwähnt: ״Bei dem Entstehen der Städte repräsentieren die J uden einen unentbehrlichen Eckstein ihrer Gründung; die Judengemeinde ist in jeder Stadt ein wesentlicher Teil der Einwohnerschaft“. — Damit ist keinesfalls 1 Die Aktenbeilagen konnten leider wegen Raummangels in der MGWJ nicht vollständig ׳abgedruckt werden. Sie gelangen aber in dem Sonderdruck (I. Kauffmana Verlag, Frankfurt a. M.) zur Veröffentlichung. Die Schriftleitung. 2 Das Original befindet.sich im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien. 3 Zitiert aus Stobbe, Die Juden in Deutschland während des Mittelalters, S.8. 4 Neumann, Geschichte des Wuchers, S. 294.