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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 7 · p. Seite 414

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 7
Article
Judentum und Urchristentum im Spiegel der neuesten Literatur [Rezension]
Date
1927-01-01
Page
Seite 414 (sequence 14)
Language
German
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414 denziös so dargestellt, die dafür aber maßgebenden Quellen in Nedarim kennen ein solches Recht nicht. Das Wort in Arachin 16b vom Splitter und Balken ist nicht, wie Fiebig es ansetzen will, Zitat aus Matthäus sondern selbständiges Gut der aggadischen Diktion; hier hätte auch noch Baba Batra 16b und 60b zitiert werden dürfen. Bei der Wiedergabe der bekannten Josephus-Stelle über Jesus ist mit keinem Worte gesagt, daß sie Interpolation ist. Selbst, wenn F. den InterpolationsCharakter bestreiten möchte, wäre es notwendig gewesen, zu sagen, daß die Echtheit umstritten ist. Das am Schluß angefügte Zitat aus Leipoldt ,,der Sieg des Christentums über die antiken Religionen44 gehört eigentlich nicht in ein Quellen werk. Zur Erschließung der Umwelt des N. T. dient im Besonderen ein weiteres Buch des rührigen und fruchtbar arbeitenden Fiebig über das Vaterunser1. Es enthält eine Untersuchung über den Ursprung des Vaterunser und über Sinn und Bedeutung dieses Gebetes der Kirche. Fiebig erweist sich in ihm aufs neue als wohlvertraut mit dem rabbinisclien Schrifttum und dem jüdischen Gebetsleben. Er zeigt auf, wie Elemente des Kaddisch, der Schemoneh Eßreh und des Morgen- und Nachtgebetes im Vaterunser fortleben; es ist nach seiner Meinung bewußt aus Teilen dieser Gebete zusammengesetzt und bedeutet vielleicht einen reformatorischen Akt Jesu, der bewußt anstelle der vielfachen und längeren Gebete dieses Gebet als Konzentration des Wichtigsten herausgehoben habe. Darüber wird ja bei dem Fehlen der zeitgenössischen authentischen Nachrichten kaum je etwas sicheres zu sagen sein, rein psj^chologisch betrachtend möchte man sagen, daß eine solche Annahme nicht über jeden Zweifel erhaben sei. Träfe sie zu, was immerhin nicht unmöglich ist, so erführe das, was oben zu der Frage der Stellung Jesu innerhalb des Judentums gesagt ist, eine Verstärkung, denn zu dem jüdischen Gebet gehört überlieferungsgemäß und mit dem Gefühl des Betenden untrennbar verbunden die Berührung mit den geschichtlichen Erlebjiissen Israels, sie auszuschalten wäre schon damals ebenso ein Akt der Auflösung jüdischer Gebetsüberlieferung gewesen, wie er es heute ist. Die Berührung des Vaterunser mit jüdischen Gebeten und in Uebung gewesenen Aussprüchen Frommer jener Zeit ist nichts von Fiebig neu Entdecktes, ist längst bekannt und aufgezeigt2. Der Fortschritt in Fiebigs Darstellung liegt darin, daß er den Aufbau des Vaterunser aus dem typischen Aufbau der jüdischen Gebete zu ermitteln sucht, daß er deutlich darauf hinweist, wie der Inhalt der Worte des Vaterunser nur aus den Gedankenkomplexen zu gewinnen ist, die in der damaligen Frömmigkeitssprache mit den Worten mitschwangen, und daß er an Hand der jüdischen Gebete den Nachweis zu führen unternimmt, welcher der Texte des Vaterunsers, der in Lucas oder der in Matthäus überlieferte, die größere Wahrscheinlichkeit für sich hat, von Jesus so geprägt zu sein. So ist auch dies Buch ein Beitrag zu der \Vandlung in der Erkenntnis von dem Zusammenhang des Urchristentums mit dem Judentum und in der Bejahung dieses Zusammenhanges. Schade darum, daß F. sich von einzelnen typischen Vorstellungen und Redewendungen in der Gegenüberstellung von Christentum 1 Das Vaterunser. 4927. Verlag C. Bertelsmann in Gütersloh. 406 S. 2 Siehe die schöne Zusammenfassung im Jahrbuch für'Jüd. Geschichte und Literatur 1906.

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