Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 7 · p. Seite 412

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 7
Article
Judentum und Urchristentum im Spiegel der neuesten Literatur [Rezension]
Date
1927-01-01
Page
Seite 412 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2829132-2829943-2829950-2834307--47861-2834349
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

412 zu tun gehabt habe, verdichtet sich bis zu der Forderung, daß man Jesus und des Urchristentums ethische Forderung als eine jüdische in das Judentum einbeziehen müsse, daß man Jesus für das Judentum in Anspruch nehmen muß, und man spricht von der Tragik, die in der Tatsache der Ablehnung Jesu durch die Juden liege. Nun aber erhebt sich die Frage: wenn dem so ist und Jesus nur ein Reformator und Glaubenskämpfer innerhalb der Sphäre des Judentums war, wie kam es, daß er so entschieden abgelehnt wurde? Wie kam es, daß man nicht schon in ältester Zeit gegenüber den Versuchen, ihn zur göttlichen außerjüdischen Erscheinung zu erheben, sein Judesein und Jüdischreden betonte? Und wenn auch alle Evangelienberichte über das, was jüdischerseits mit Jesus geschah, spät und tendenziös sind, sie müssen jedenfalls einen geschichtlichen Hintergrund widerspiegeln, den nämlich, daß Jesus innerhalb der Judenheit seiner Zeit Ablehnung fand. Warum aber? Wenn er nur Reformator war, so war all sein Tun und Reden nichts so Unerhörtes und Einzigartiges, daß man daraus die Ablehnung erklären könnte. Bei dem Fehlen aller zeitgenössischen authentischen Berichte und bis zur etwaigen Auffindung neuer ungeahnter Quellen kann hier nur eine psychologische Einfühlung das Dunkel ein wenig erhellen. Es ist psychologisch gar nicht anders zu erklären, als daß in seiner Rede und in seinem Tun von Anfang an Züge waren, die man sofort als dem Judentum wesensfremd und aus dem Judentum herausführend spürte und erkannte. Es braucht gar nicht zu sein, daß er sich selbst als Gottes Sohn in der späteren Färbung dieses Wortes bezeichnete, aber jene Art, sittliche Forderungen auf zusteilen, ohne auch nur den Versuch zu machen, sie für die Ordnung des alltäglichen Lebens fruchtbar zu gestalten, jenes Absehen von der Aufgabe, für die Nöte der Zeit Hilfe zu suchen, weil das Gottesreich schon in ihm da sei, mußte sofort als etwas empfunden werden, was nicht nur der besonderen Art jüdischer Ethik widersprach, sondern auch in seinen Folgen dazu führen mußte, die Grundlagen des damaligen jüdischen Volkslebens zu erschüttern und schwinden zu machen. Jenes selbstherrliche Schalten mit den Worten der Thora und Aeußerungen des Bewußtseins persönlicher Vollmacht mußten als unerträglich, als der jüdischen Gottesidee, als der jüdischen Auffassung von prophetischer Sendung widersprechend, als eine nicht mehr jüdische religiöse Haltung empfunden werden. Nur so ist es zu erklären, daß man ihm, auch wenn er sich als zu Israel entsandt empfand, von Anfang an nicht den Willen zuerkennen konnte, das Judentum zu verinnerlichen und zu vertiefen, sondern mit Treffsicherheit herausfühlte, daß hier ein dem Judentum Fremdes und es Verneinendes zum Ausdruck kam. Was vom frühen Mittelalter an in der Christologie zur dogmatischen Ausprägung kam und in beiden Lagern als Unterschied empfunden wurde, mag heute mit der Auflösung des Dogmas in dieser Form schwinden. Aber es ist darum nicht so, daß nach dem Schwinden des Dogmas nur die jüdisch-prophetische Persönlichkeit übrig bleibt. Diese Wertung ist noch im Stil jener historisch denkenden Epoche, die glaubte, mit der Aufhellung geschichtlicher Tatsachen eine Erscheinung schon zu erklären, einer Epoche, die überwunden ist, und einer anderen nach Sinngebung und Sinn-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.