Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Judentum und Urchristentum im Spiegel der neuesten Literatur [Rezension]
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 411 (sequence 11)
- Language
- German
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411 wäre, als bei dem, der von sich sagte, er komme Gesetze und Propheta zu erfüllen/' aber das Wort bleibt subjektive Behauptung und ist nicht zu erhärten, wird nicht objektive Feststellung einer Tatsache. Deutlich sieht Knittel, daß hier ein Grundunterschied jüdischer und urchristlicher Einstellung ist. Er gibt in aller Offenheit zu, daß in der Bergpredigt eine Forderung aufgestellt wird, zu deren Wesen es gehört, ״daß Menschen sie nicht erfüllen und nicht erfüllen können, so Lange sie Menschen sind, solange sie in einer Welt der Sünde als Menschen der Sünde leben/' daß die jüdische Einstellung stets die ist und sein muß: für die jüdische Ethik kommt alles darauf an, daß sie das Leben durchdringt, daß sie das praktische Leben gestaltet. Er sieht und bekennt, der Jude muß so, kann gar nicht anders denken, und wo er anders sich einstellen würde, hört Judentum auf, und ein Anderes beginnt, das nicht mehr Judentum ist. Für ihn ist es der Sinn der urchristlichen Predigt, daß sie dem Menschen die Not des empirischen Menschentums zeige und ihn zu der Sündenvergebung durch Christus hinführe. Das ist ein Standpunkt, vor dem man als Jude nur Respekt und Hochachtung haben kann, hier wird nicht Christentum auf Kosten des Judentums emporgehoben, hier werden die verschiedenen Ebenen aufgezeigt, auf denen beide Anschauungen sich erheben, und der Jude geht von dieser Darstellung, insbesondere von der Deutung der Bergpredigt ohne jede Bitterkeit fort mit dem Gefühl, daß man, stehen die Dinge so, das Urteil getrost der Geschichte und den kommenden Zeiten überlassen darf. Wenn es Eigenart des Judentums ist, das e m p i r i - sehe Leben vom Sittlichen aus in Hinblick auf Gott und von ihm abgeleitet zu gestalten, gut, mehr wollen wir nicht, das wird einmal einheitliches Ziel aller frommen Menschen werden. Bedeuten so Kittels Ausführungen eine neue, zwar alte, aber wieder neu werdende Erkenntnis desUrchristentums als die Botschaft von dem, ״der die Menschheit zerbrach mit seiner absoluten Forderung, die nichts übrig läßt als sündige Uebertreter, von dem, der die zerbrochene Menschheit heiit durch die Wirklichkeit von Vergebung und Gnade, die sein Sterben nicht bloß verkündet, sondern ist/' so vermag aber auch, durch ihn neu angeregt, ein helleres Licht auf die jüdische Stellungnähme zu Jesus zu fallen. Und hier sei ein Grundsätzliches, zwar nicht in Breite ausgeführt, aber wenigstens angedeutet. Es ist in letzter Zeit vielfach die Neigung hervorgetreten, Jesus nur als jüdische Persönlichkeit zu* fassen, ihn gleichsam ins Judentum einzubauen. Die Tatsache, daß er als Jude geboren, im Judentum erzogen ist, in jüdischer Frömmigkeit gelebt hat, in seinem Wollen und Wirken nur aus dem Judentum erklärbar ist, sich selbst als zu Israel entsandt empfunden hat, wird nach der Richtung übersteigert, daß man ihn ganz und gar als eine Erscheinung innerhalb des damaligen Judentums wertet, ihn als eine gleichsam prophetische Figur innerhalb des Judentums erfaßt, deren Wirken und Wollen nur später, unter verschiedengearteten Einflüssen, mit den Zügen versehen worden ist, die in der Ausbildung der Christologie dann wirksam wurden und dazu führten, daß die an seinen Namen anknüpfende Religion zu einem anderen, nicht mehr jüdischen Glauben wurde. Und die Meinung, daß man es nur mit einem jüdischen Reformator