Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Judentum und Urchristentum im Spiegel der neuesten Literatur [Rezension]
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 410 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829943-2829950-2834307--47859-2834347- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
410 Kreise unendlich viel Segen stiften und schleichendes Gift unschädlieh machen. Worin aber findet Kittel nun, wenn doch in der Höhenlage jüdischer und urchristlicher Ethik die Differenz nicht zu suchen ist, die Eigenart des Christentums? In seiner Antwort auf diese Frage kehrt er teilweise zu der Stellung zurück, die man im christlichen Lager eingenommen hatte, ehe eine gewisse Richtung im liberalen Protestantismus nach der Auflösung des Dogmas versucht hatte, in der Differenz der ethischen Haltung die Eigenart Jesu und des Ur~ Christentums zu finden. Wie er die Sonderstellung Jesu zu entwickeln sucht, das sei zunächst ohne jede kritische oder zustimmende Bemerkung wiedergegeben. Das Neue sei gewesen, daß Jesus alles Ritualistische ausgeschieden und unter Ablehnung der praktischen Lebensklugheit nur ein Einziges gekannt habe, die Intensität und Unbedingtheit der sittlichen und religiösen Forderung. Das Neue sei, daß er bewußt darauf verzichtet habe, die sittliche Forderung in die Praxis des Alltages einzubauen und in die Kleinmünze der alltäglichen Lebensbeziehungen einzuwechseln, weil er überhaupt nicht für dieses Erdenzeitalter denkt und redet, sondern mit seinem Erscheinen einen neuen Aeon angebrochen empfindet. Und damit im Zusammenhang, und wieder ist das einNeues, stehe das Bewußtsein Jesu von seiner aözoßaadsia, von der in seiner Person gegebenen ungebrochenen Gegenwart des bereits vollendeten Reiches Gottes, von der in seiner Person und Sendung ruhenden gesetzgeberischen Vollmacht, von seiner Vollmacht, Wunder zu tun, nicht nur als Betender wirksam um das Wunder zu bitten; und schließlich sei das das Neue, daß er in sich das Bewußtsein von der in seiner Person ruhenden Vollmacht der Sündenvergebung getragen habe. Es geht nicht an, insoweit hier ein Glauben sich äußert, sich kritisch dazu einzustellen, im Gegenteil, es soll in Folgendem ausgefiihrt werden, wie dankenswert vom jüdischen Standpunkt aus diese Herausarbeitung des ursprünglichen Unterschiedes ist. Kritisch sei nur zu der einen Behauptung Stellung genommen, die Eigenart der Predigt Jesu habe in der Intensität und Unbedingtheit der sittlichen und religiösen Forderang bestanden. Es ist zunächst zu sagen, daß aie Deutung dieser Worte nicht recht zu fassen ist. Was heißt das: ,,nichts ist geblieben als die religiöse Forderung?“ Wie wenn im Judentum diese ,,Konzentration auf die ,,Forderung als Gottesforderung“ nicht die ständige Linie ge-׳ wesen wäre! Man kann es gegebenenfalls rügen, daß Einzelheiten des täglichen Lebens als Gottesforderung behandelt werden, aber man kann doch nicht leugnen, daß die Stärke der Gottesforderung für das ganze Leben dem Judentum nie verloren ging. Soll aber damit gesagt werden, daß in der christlichen Predigt die Kleinlichkeit ausgeschaltet ist, die zutage tritt, sobald man große Gedanken in der Tagespraxis ausmünzt, so muß man sagen: es ist sehr leicht, von Einzelheiten abzusehen, wenn man sich bewußt um die Ordnung des täglichen Lebens nicht kümmern will; es ist leicht, solch ein Wort zu prägen: ״es hat nie einen Juden gegeben, bei dem jener Urton der alttestamentlichen Frömmigkeit: die in Gott und nur in.Gott wurzelnde Moralität, so zum vollen einzigen Klang geworden