Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Judentum und Urchristentum im Spiegel der neuesten Literatur [Rezension]
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 409 (sequence 9)
- Language
- German
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409 nichts zu tun. In I deutet Kittel dies auch schließlich an, schade darum, daß er in II jene Fragestellung glatt als Abgleiten in Ritualismus deutet. Nicht richtig erfaßt ist ferner der Sinn des Wortes מפני דדכי שלום; eine Reihe von Vorschriften über das Zusammenleben mit Andersgläubigen tragen diese Begründung, daß sie erlassen seien ,,wegen der Wege des Friedens/' Kittel würdigt sie nach Gebühr, daß sie eine Brücke bilde zur humanen Stellungnahme auch dem Volksfremden gegenüber. Aber er sieht doch in ihr ein einschränkendes Moment und meint, hier sei die Praxis des Nebeneinanderlebens Motiv einer opportunistischen Einstellung gewesen und nicht die prinzipielle Erwägung der inneren Notwendigkeit einer liebevollen Haltung zu jedermann. Aber ist es nicht gerade umgekehrt, daß die Motivierung מפני דרכיי שלום eine besonders starke Betonung der prinzipiellen Erwägung innerer Notwendigkeit ist, weil doch der Friede nach der bekannten rabbinischen Auslegung das Fundament der Welt und Gesellschaft, das höchste Gut ist? Der Sinn jener Begründung ist: ein Hinausgehen über die Rechts verpflichtung wegen der höheren sittlichen Verpflichtung. Ein Wort muß schließlch noch zu einer Bemerkung Kittels gesagt werden, die mißdeutet werden kann. Er nennt es eine Tragik des späteren Judentums, daß es die Verschweißung von Religion und Sittlichkeit zu einer Einheit nicht immer festhalten konnte, daß es ritualistisch wurde. ,,Daraus entstehe dann das sophistisch-moralische Talmudgelehrtentum in allen seinen Spielarten. Es will auch noch fromm sein. Eswill auch noch von Gott reden. Aber nur zu oft ist ihm die Technik, man kann fast sagen die Akrobatik der ethischen Erfüllung zur Hauptsache geworden/״ Es braucht nicht geleugnet zu werden, daß eine gewisse Dialektik gelegentlich Vorkommen konnte; sie ist eine beinahe unvermeidliche Begleiterscheinung jeglicher differenzierter Kultur, sie ist überall da,'wo man das Leben in seiner Mannigfaltigkeit von einem Gesetz aus zu meistern versucht, wo man eine Lebensordnung aufstellen und das Leben nicht nur dem Gefühl überlassen, sondern ihm Form geben will. Wir werden weiter unten sehen, daß eben diese formbildende Ordnung des gesamten Lebens in allem Einzelsein und aller Gemeinschaftsbildung die bewußte und gewollte Eigenart des Judentums ist. Wo nun ■an ihr eine lebensfremde Dialektik entstand, ist sie von den Zeitgenossen stets aus Gründen der lebendigen Frömmigkeit zurückgewiesen worden; so wäre es richtiger und sachgemäßer gewesen, wenn Kittel wo er auf sie hinweist, selbst gesagt hätte, daß sie die Ausnahme war. Wer seine Werke liest, könnte glauben, daß ״Entartung zur tecbnischen Akrobatik" einen notwendigen und allgemeinen Typ des Rabbinismus darstellt, und das wollte Kittel sicher nicht sagen, denn es läge nicht in der Linie seiner Wissenschaftlichkeit. Es war geboten, auf Einzelnes aufmerksam zu machen, diese Ausstellungen sollten den Wert der. Bücher nicht beeinträchtigen, es darf und soll wiederholt werden, daß es treffliche Bücher sind, für die man dankbar sein muß, die eine Bereicherung des Wissens und der Erkenntnis sind, sie sind ein Stück des guten Kampfes aller Ehrlichen und Vornehmen um die Wahrheit; insbesondere das kleine Schriftchen״ Jesus und die Juden" könnte innerhalb der studentischen