Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Judentum und Urchristentum im Spiegel der neuesten Literatur [Rezension]
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 408 (sequence 8)
- Language
- German
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408 damals nicht gegeben war, es ist nicht angängig, sittliche Wertungen und Forderungen mit Methoden der Urteilsfällung für praktische Fälle im zeitbedingten Rechtsleben von Volk zu Volk in Vergleich zu setzen. Gerade weil Kittels Betrachtungsart der Sonderlage des Judentums sonst so gerecht wird, ist es bedauerlich, ihn hier hinter dem rechten Verständnis dieser Midraschstellen Zurückbleiben zu sehen. Mißverständnis waltet auch in der folgenden Bemerkung vor. ,,R. Akiba stellte III. M. 1918 als den Hauptsatz der Thora heraus: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, und verstand dabei, wie alle seine Zeitgenossen, unter dem ״Nächsten‘r den Volksgenossen, den Juden. Ben Azzai aber stellte dem entgegen als den größeren Satz der Thora I. M. 5!: ,,das ist das Buch der Ur- Sprünge des Menschen, als Gott den Menschen schuf, machte er ihn nach der Aehnlichkeit Gottes/‘ Für ben Azzai ist der Begriff ,,Mensch“ größer als der Begriff ״Volksgenosse,“ die Humanität größer als der ausschließliche Nationalismus‘Schulbeispiel einer petitio principii. Weil Kittel ohne jeden Beweis voraussetzt, daß man unter dem Nächsten in der Regel nur den Juden verstand, versteht er Akiba in diesem Sinne, und Akiba wird ihm dann wieder zur Bestätigung der Voraussetzung. In Wahrheit aber liegt die Sache gerade so, daß Akiba garnicht auf die Vermutung kommt, es könnte unter dem Nächsten ein anderer verstanden werden als jedermann und diesen Satz als Verkündigung der allgemeinen Nächsten־ liebe herausstellt, ben Azzai aber ahnungsvoll vermutet, daß es vielleicht Menschen geben könnte, die in der Nächstenliebe Unterschiede machen könnten, und deshalb vorbeugend als wichtigsten Satz der Thora den angibt, der von der Schöpfung des ersten Menschenpaares durch Gott handelt. Falsch ausgelegt, ist ferner die Deutung von Misle 252! ,,wenn dein Feind hungert, gib ihm Brot ׳zu essen;“ der Satz wird auch allegorisch ausgelegt, indem unter dem Feind der böse Trieb verstanden wird, und daraus will Kittel herauslesen, daß die Neigung bestehe, der konkreten Forderung die Spitze abzubrechen. Aber wer immer mit dem Geist und der Diktion der midraschischen Auslegung vertraut ist, weiß, daß solche Allegorien immer nur bedeuten, daß die konkrete Forderung so selbstverständlich ist, daß man sie durch die allegorische Deutung noch ausdehnt und erweitert. Gelegentlich wird in der rabbinischen Diskussion die Frage aufgeworfen, ob die Ehrerbietung gegen Vater und Mutter die Sabbathheiligung verdrängen dürfe. Es handelt sich dabei um die ganz bestimmte Frage, ob ein Mensch, dem Vater oder Mutter befohlen habe, den Sabbath zu entweihen, verpflichtet ist, den Eltern zu gehorchen, oder ob hier Gottesgebot vor Menschengebot geht. Kittel möchte herausfolgern, daß es im Rabbinismus, zwar nicht in seiner Höhenlage, aber doch gelegentlich möglich war, das Gebot der Eltern Verehrung hinter andere zurücktreten zu lassen, und er findet darin eine Erweichung der Unbedingtheit des Sittengebotes, ein Abgleiten in Ritualismus. Nun soll nicht geleugnet werden, daß solch ein Abgleiten auch mitunter vorkam, aber diese Stelle ist jedenfalls dafür nicht zu verwenden, hier ist ganz klar die Frage gestellt und beantwortet, ob Eltern das Recht haben, eine sündige Handlung zu fordern, mit Ritualismus hat das