Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Judentum und Urchristentum im Spiegel der neuesten Literatur [Rezension]
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 406 (sequence 6)
- Language
- German
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406 Wiederanknüpfung an die Propheten erscheinen zu lassen, als die Vertreter des angeblich allein hochwertigen Judentums, von dem das rabbinische sich entfernt habe. Darin nun hat sich ein Wandel vollzogen. Es ist ein Verdienst Kittels, daß er, wenn auch nicht restlos, so doch mit vielen Vorstellungen der bisherigen neutestamentlichen Forschung aufräumt. Mit besonderer Freude liest man als Jude seine Bücher, denn kaum je ist in der jüngsten Zeit ein auf diesem Gebiete Arbeitender dem Judentum so gerecht geworden wie Kittel. Er räumt mit vielen Behauptungen und Fehlurteilen auf, die seitens einer gewissen Richtung der protestantischen Bibelwissenschaft beharrlich festgehalten wurden, und gegen die man seit langem ankämpft, und er macht Feststellungen und erhebt Forderungen, die man nur dankbarst begrüßen kann. Er weist die Forscher mit Nachdruck darauf hin, daß nicht, wie man dies so vielfach angenommen hat, das hellenistisch gefärbte Judentum der Mutterboden ist, aus dem das Christentum gewachsen ist, sondern daß es wesentlich nur aus dem palästinensischen Judentum erklärbar ist, das nun einmal den Hauptstrom jüdischen Lebens darstellt, daß das rabbinische Judentum die Hauptlinie der jüdischen Frömmigkeit und das in den Apokryphen sich widerspiegelnde nur eine Nebenlinie sei. Er wendet sich gegen die mangelnde Berücksichtigung der rabbinischen Literatur bei der Darstellung der neutestamentlichen Zeitgeschichte, tadelt es, daß man aus Mangel an Kenntnissen auf diesem Felde das ganze Gebiet als gleichgiltig beiseite schiebt und stellt die Forderung auf, daß christliche in Gemeinschaft mit jüdischen Gelehrten in einander befruchtenden Arbeit den Rabbinismus durchforschen, um voneinander zu lernen; wir denken dabei an unsere alte Forderung der noch nirgends verwirklichten jüdischen, von aller Verbindung mit der Theologie gelösten Fakultät, die diesem Ziele längst ein gut Stück entgegengeführt hätte. Er rückt, und das ist eine Genugtuung für die jüdische Kritik, betont von Bousset ab, der in seinem bekannten Buche die These popularisiert hatte, daß das Besondere des urchristlichen Gottesglaubens die Predigt von Gott als dem himmlischen Vater der Menschenseele und von der Nähe Gottes beim Menschen gewesen sei im Gegensatz zu dem angeblichen abstrakten Transzendentalismus des Spät-Judentums und seiner Auffassung von Gott als dem Weltentrückten und Unnahbaren. Er räumt mit dem Prunkstück der rassen-völkischen Einstellung, dem unbedingt arischen Jesus auf. Er verwirft es, und das ist der Schwerpunkt der Ausführungen, dem Christentum seine Eigenart und sein Neues dadurch zu erobern, daß man jüdische Ethik und jüdische Frömmigkeit als der christlichen und der Predigt Jesu unterlegen ansetzte, mit Entschiedenheit betont er, daß man nicht die Tiefpunkte auf der einen Seite mit Höhepunkten auf der anderen Seite vergleichen darf, auch nicht den mittleren Durchschnitt ansetzen darf, der überall zu der Höhe der sittlichen Forderung in einem Abstand steht, sondern, daß man, wenn man vergleicht, die Höhenlage der einen Seite mit der Höhenlage der anderen Seite in Vergleich setzen müsse. Und da, führt er aus, zeigt der Vergleich, daß ״in den sittlichen und religiösen Forderungen des Christentums