Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Judentum und Urchristentum im Spiegel der neuesten Literatur [Rezension]
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 405 (sequence 5)
- Language
- German
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405 Mängel, die die Wissenschaftlichkeit ihrer Ergebnisse in einem zweifelhaften Lichte erscheinen ließen, typische Mängel, die sich aus bestimmten Voraussetzungen ergaben, mit denen man an die Probleme herantrat. Man betrachtete alles Neutestamentliche, soweit man überhaupt eine Abstammung aus dem Judentum anerkannte, als aus dem hellenistischen Judentum hervorgegangen. Für die Ursprünge des Urchristentums aus dem zeitgenössischen rabbinischen Judentum hatte man keinen Blick. Vielleicht lag es an der leichteren Möglichkeit, sich in den griechischen Quellen umzutun, und an der größeren Schwierigkeit, sich in dem rabbinischen Schrifttum heimisch zu machen, genug, man orientierte das Urchristentum einseitig an dem hellenistischen Judentum, das doch, in all seiner geistigen Höhe und seinem Gedankenreichtum, doch nur einen Zweig des damaligen Judentums darstellte, das nicht so sehr aus den Tiefen des lebendigen, naiven, bluterfüllten Volkstums schöpfte, sondern das bereits die Spannungen zweier Kulturen kennt und sie synthetisch vermählen will. Daraus aber ergab sich für die Beurteilung des N. T. und seines Zusammenhanges mit dem Judentum ein falsches Bild. Man sah die Zusammenhänge mit dem rabbinischen Judentum nicht, weil man dieses in seinen Zeugnissen entweder gar nicht oder nur aus zweiter Hand kannte, was naturgemäß das richtige Verständnis beeinträchtigte. Man hatte keine rechte Vorstellung davon, in welchem Frömmigkeitskreis und in welchen Frömmiglceits- Stimmungen sich Jesus und seine Jünger in ihrer Umwelt bewegten. Dazu trat ein anderes noch Gefährlicheres. Der liberale Protestantismus war dem Dogma der Kirche fremd geworden, er hatte Jesus als geschichtlichen Menschen zu erfassen gesucht. In den! Augenblick nun, da Jesus innerhalb des Christentums seiner mystischen und göttlichen Besonderheit entkleidet war, erhob sich die Frage, worin denn eigentlich das Besondere der christlichen Verkündigung bestehe, das, was sie vom Judentum abhebe und ihr den Charakter eines Neuen gegeben habe. Und weil man nun dem dogmatischen Bilde von Jesus entsagt hatte, und weil bei dem als menschliche historische Erscheinung erfaßten Jesus in seiner religiösen Forderung nichts war, was nicht auch im Judentum gewesen war, formte sich aus der innerlichst erfühlten, im Unbewußten lebendigen christlichen Selbst- Verständlichkeit von der Ueberlegenheit des Christentums über das Judentum, die Anschauung, daß das Neue eine andere höhere Ethik gewesen sei. Man unterwertete die zeitgenössische jüdische Ethik, soweit man sie überhaupt kannte, gab ihren Stimmen eine Deutung, die sie als einseitig begrenzt, national gebunden, durch Ritualismus in ihrer absoluten Giltigkeit beschränkt erscheinen ließen, zeichnete so ein Zerrbild des Judentums, um dann mit leichter Mühe dem Christentum ein angeblich neues, höhergelegenes, von ihm allein gegrabenes Feld zu sichern. Aus der Unkenntnis des rabbinischen Judentums konstruierte man einen scharfen Gegensatz vom prophetischen und rabbinischen Judentum, die paulinische kultfeindliche Einstellung ließ die Propheten als Gegner jeglicher kultischer Betätigung und als Verfechter einer nur das Ethische als religiöses Tun anerkennenden Richtung erscheinen, um so das Urchristentum und Jesu Verkündigung als