Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Judentum und Urchristentum im Spiegel der neuesten Literatur [Rezension]
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 403 (sequence 3)
- Language
- German
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403 Die Bergpredigt beginnt mit den Worten: Heil den Armen (im Geiste), denn ihrer ist das Himmelreich. Matth 53; die Klammer 11m ,,im Geist'6 ist von Bornhäuser, er stützt sich dabei auf Luc 02o. Der griechische Text in Matth hat xq5 TCusujum, weil hier der Uebersetzer das hebräische Urwort ענדם dem Sinne nach wiedergibt1, in Luc nicht, da der Uebersetzer, weil dem hebr. Urwort fernerstehend, den Versuch einer, nach seiner Meinung, wörtlichen Ueber- Setzung macht. Bornhäuser übersetzt daraufhin, ohne weiteres ,,den Armen," fragt daraufhin: was meinte Jesus mit arm, was verstanden seine Hörer darunter? und antwortet dann folgendermaßen: Das profane Leben der meisten Juden zur Zeit Jesu kreist um die eine große Angelegenheit, Geschäft und Gewinn (wie wenn das übrigens in irgend einem Volksleben anders wäre, wie wenn das eine jüdische Eigenschaft wäre!) . . . Der Anschauungskreis und Sprachschatz des Geschäftslebens ist nun in überraschendem Umfange auf das religiöse Gebiet übertragen worden. Der Tempel zu Jerusalem ist . . . die große Bank, genauer Depositenbank, für das israelitische Volk .... Der Bürge dafür ist Gott. Der Tempel auf Erden ist Abbild des wahren Tempels im Himmel. So findet eine Uebertragung der Vorstellung vom Tempel als Depositenbank auf den himmlischen Tempel statt. Gott ist dort der Depositenhüter der geistlichen Kapitalien, die bei ihm angelegt sind, d. h. der Früchte der guten Werke. Dem gegenüber nun der Ruf Jesu, es gibt ein Heil nur für die Armen, d. 11. für die, die nicht auf die Ansammlung von solchen himmlischen Kapitalien gehen und darauf vertrauen, die nur auf die Gnade Gottes sich stützen. Fertig. Das ist nicht etwa ein Scherz, sondern tiefernst gemeint. Für die ,,Uebertragung des Sprachschatzes des Geschäftslebens auf das religiöse Gebiet“ wird ein Beweis nicht einmal versucht, es wird nur gesagt: ,,es ist zu verwundern, daß man diese leicht zu machende Beobachtung nicht mehr beachtet hat.“ Beweis für den Tempel als Depositenbank soll sein 3 Makkabäerbuch Kap. 1 und 2, wo sich jedoch von derlei Dingen nichts findet; gemeint ist vielleicht 2 Makkab. 3, in dem von Heliodors Anschlag auf den Tempelschatz die Rede ist, wobei aber Bornh. übersieht, daß mit dem Tempel der Sitz der Gerichtsbehörde verknüpft war, die Treuhänder für Waisengelder und ähnliches war, das aber hat mit r e 1 igiöser Sphäre nichts zu tun, darauf so schwerwiegende Schlüsse auf zubauen, ist nicht mehr Wissenschaft. Ein anderes Beispiel: Es handelt sich um die Auslegung von Matth 53? ,,so dir jemand einen Streich auf die rechte Backe gibt, dem reiche auch die linke hin.“ Das erklärt Bornh. so: der Pharisäer war verzeihend und nachsichtig, wenn einer aus der Pharisäergenossenschaft ihn beleidigte, wenn aber ein Nichtpharisäer, ein Amhaarez, ein Böser — jetzt ist also der Amhaarez schon nicht mehr nur der Unwissende, sondern der ,,Böse“ — ihn schlug, so strengte er den Prozeß wegen Beschämung an. Für diesen Schadenersatz weist Bornh. auf die Misnah Baba Kama VI EI, 6 hin, wo es heißt, daß, wenn einer dem anderen einen Schlag auf die Backe gegeben hat, er eine Beschämungsstrafe (Böscheth) von 200 Sus zu zahlen hat, tat er cs aber mit der Rückseite der Hand, so• zahlt er 400 Sus. Der Schlag mit dem Handrücken, der die rechte Backe trifft, sei dev Hintergrund der bekannten Sentenz. Solch eine Wiederherstellung der Ehre durch das Gericht soll dem Jünger Jesu verwehrt sein. Aber nun soll die Bergpredigt doch eine Lehre für die Apostel sein und für sie etwas ohne Begrenzung anordnen, was sonst mit Begrenzung Vorschrift war. In der Tat, findet Bornh., gab es Fälle, wo auch der Pharisäer sich schlagen lassen mußte, als Schüler nämlich. ״In der Schule der Rabbinen, in der viele Schüler schon Männer waren, ging es anders zu als etwa auf unseren Universitäten. Da gab es Geißelhiebe und Ohrfeigen und ein Anfahren, daß dem Schüler der Speichel ins Gesicht flog. Und Schülerpflicht war es, sich das alles gefallen za lassen.“ Man faßt sich an den Kopf, woher weiß Bornh. das? Antwort, so steht es in Jesaja Kap. 50,'6 ,,meinen Rücken gab ich den Schlägern hin und meine Backe den Raufenden, mein Antlitz barg ich nicht vor Schmähung und Speien,“ und diese Worte sind eingeleitet durch den Satz: ,,Gott der Herr gab mir לשון לסורים, was in Wirklichkeit heißt: ,,die Zunge der Geübten, Redegewandten,“ während Bornh. sich die Freiheit nimmt, es zu übersetzen als ,,Zunge der Schüler.“ Und nun soll 1 Siehe hierzu das weiterhin an ge zeigte Buch: Kittel, Probleme des Spätjudentums und des Urchristentums S. •53. 26*