Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Judentum und Urchristentum im Spiegel der neuesten Literatur [Rezension]
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 402 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829943-2829950-2834307--47851-2834339- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
402 eine Staatsordnung nicht auf bauen kann. Begrüßenswert ist vor allem die Feststellung, daß man die Bergpredigt nur aus der zeitgenössischen Denk- und Sprechweise verstehen und erklären kann, daß man sich in jüdische Lehrweise und Frömmigkeitswelt versetzen muß., wenn man ihre einzelnen Worte vei'stehen will. Und so wäre alles gut, wenn Bornhäuser die wirkliche und tatsächliche jüdische Denkweise und Frömmigkeit zum Ausgangspunkt genommen hätte. Statt dessen konstruiert er sich eine eigene seiner Phantasie und stellt sie als die zeitgenössische hin. Hier beginnt unsere Kritik und unser Widerspruch. Wir finden sämtliche wohlbekannten Ladenhüter früherer Darstellungen des Rabbinismus und Pharisäismus wieder. Die Pharisäer sind die ,,Scheinheiligen" schlechthin, sie sind die Leute, die weil sie pünktlich und genau die Gesetze befolgen, in sich die hochmütige Gewißheit tragen, daß sie die Guten und Frommen sind, daß sie bei Gott ein Depot von guten Werken angelegt haben, das ihnen die ewige Seligkeit verbürgt, die alle Frömmigkeit recht deutlich zur Schau tragen, damit die Leute sie sehen und dadurch ihr Ansehen erhöht wird, die hart sind gegen andere, hochmütig auch dann, wenn sie herablassend sind. Sie kennen Bekundung der Nächstenliebe nur gegen die Mitpharisäer, nur gegenüber dem Mitglied der Genossenschaft — wie wenn es jemals eine festgeformte ,,Genossenschaft der Pharisäer"• gegeben hätte •— sie tragen tödliehe Feindschaft in sich gegen den Heiden und den Ämhaarez, die scharfe Scheidelinie, der ,,Haß" des Pharisäers gegen den Ämhaarez ist die Voraussetzung der ganzen Darstellung, ־— der Bruder ist ihnen nicht jedermann, auch nicht der Volksgenosse, sondern nur der Pharisäer. Man kann es sich ersparen, alle auf diesem Felde zutage tretenden Irrtümer und Schiefheiten einzeln zurückzuweisen, das ist so oft bereits geschehen, daß man hundertmal Gesagtes wiederholen müßte. Man kann nur erneut hinweisen auf Perles' Kritik an Boussets ,,Religion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter," auf Eschelbachers ,,Judentum im Urteil der modernen protestantischen Theologie," wo all diese typischen Verzerrungen des Bildes der Pharisäer längst erschöpfend ihre Zurückweisung erfahren haben, auf Eibogens positive Darstellung der pharisäischen Religionsanschauungen, auf Travers Herford's klassisches Buch über die Pharisäer. Wer nach ihnen sein Urteil nicht revidiert, ist unbelehrbar. Bornhäusers Stellungnahme ist um so unverständlicher, als er der Kenntnisse in der rabbinischen Literatur nicht entbehrt, er weiß z. B. und sagt es, daß man jedes Wort des Vaterunser aus der rabbinischen Frömmigkeit belegen könnte, daß es also inhaltlich ein Neues nicht bietet, aber — dem Geiste nach sei es ein Neues. Warum? Ja, weil sonst seine These falsch wäre. Aber selbst wenn man absichtlich darauf verzichtet, im Einzelnen jeden der vielen Irrtümer zu widerlegen, kann man doch nicht davon absehen, einige der dicksten Irrtümer herauszuheben und in ihrer Lächerlichkeit zu zeigen, sie werfen ein Licht darauf, wie wenig der Verf. seiner Aufgabe gerecht geworden ist, ein Stück Urchristentum aus der zeitgenössischen Denk- und Sprechweise und aus der Frömmigkeit des damaligen Judentums zu erklären.