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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 6 · p. Seite 386

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 6
Article
Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
Date
1927-01-01
Page
Seite 386 (sequence 16)
Language
German
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386 biblischen Gestalten, jeder Brauch, jedes Ereignis in dem gläubigen Juden in einem gewissen Zusammenhänge miteinander. Dieses traditionelle Leben, dieses lebendige Bewußtsein, das Jahrtausende gebraucht hat, 11m sich zu entwickeln und zu erstarken, ist ein geschichtlicher Faktor, der bei wissenschaftlichen Forschungen auch in Rechnung gezogen werden muß. Geiger hatte das nicht getan und' war deswegen in verschiedene Willkürlichkeiten verfallen. Manchmal hatte er völlig das sprachgeschichtliche Moment des Bedeutungswechsels der einzelnen Worte verkannt. War erst einmal festgestellt, daß ein Wort zu irgend einer Zeit in einem gewissen Sinne gebraucht wurde, so hatte Geiger versucht, ihm in literarischen Produkten verschiedenster Epochen diese Bedeutung beizulegen. So hatte er z. B. gefunden, die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ,,Zaddik“ sei ,,Fürst“. Demzufolge hatte er (Ps 11815) übersetzt: Kol Rina wischua b’ohole Zaddikim: Stimme des Jubels und des Heils in den Zelten der Fürsten—־ und ib. 20 Seh ha-Schaar Zaddikim iabou bo : Da treten hinein die Fürsten —. Simon Ha-Zaddik, der Gerechte, war ihm im Lichte seiner philologischen Entdeckung zu einem' Zaddik; einem Fürsten aus dem Hause Zadok geworden, obwohl er so rücksichtsvoll gewesen war, ihn, dem der nicht allzu spät nach ihm lebende Flavius Josephus das Epitheton Dikaios beilegt, wenigstens den. ,,Gerechten“ zu nennen. Im Sinne dieser Entdeckung hatte er auch, den Malki-Zedek der Genesis (1438-20) in die Zeit zwischen Nehemiah und Simon Hazaddik versetzt und die ganze liebliehe Erzählung von Abraham und Malki Zedek aus ihrem Zusammenhange gerissen. Rapoport widerlegt Seite für Seite des Geigerschen Werkes mit wuchtigen, scharfen, philologischen und historischen Waffen. Hie und da helfen ihm auch Spott und Ironie gegen seinen Gegner. Trotz seiner fragmentarischen Gestalt ist Or Thora eins der trefflichsten. Zeugnisse für die Größe Rapoports. In allen Schriften zeigt sich uns Rapoport von zwei Seiten, als Maskil und als Historiker. Ueberall, in den didaktischen und historischen Abhandlungen, ebenso wie in seinen Dichtungen, verfolgt er das doppelte Ziel der Belehrung und der geschichtlichen Darstellung. Die Einleitungen seiner poetischen und didaktischen Schriften sind sämtlich historisch gehalten, enthalten Uebersichten über die jüdische Geschichte, während anderseits in den Einleitungen seiner historischen Schriften die Belehrung seines Volkes das Hauptmotiv des Verfassers darstellt. Den Freund, der ihn anfragt, ob es gestattet sei, Sprachen, Künste und Medizin zu studieren oder ein Handwerk zu erlernen, belehrt er, indem er eine geschichtliche Abhandlung über Sprachkenntnisse, Heilkunst und Handwerk bei den Juden schreibt1. Und seine Erklärungen einzelner Mischnajot in Pirke-Abot usw. sind vorwiegend historisch gehalten. Immer wieder aber versetzt uns die außerordentliche Vielseitigkeit Rapoports in Erstaunen: Aesthetische Fragen ׳sind ihm ebensowenig fremd wie philosophische und psychologische Probleme, und in dem genannten Brief an seinen Freund offenbart er seine gründlichen medizinischen Kenntnisse, die er zum 1 Bik. h. 5588. S. 8—24.

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