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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 6 · p. Seite 385

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 6
Article
Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
Date
1927-01-01
Page
Seite 385 (sequence 15)
Language
German
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385 Ueber Rapoports wissenschaftliche Arbeiten, zumal über seine unsterblichen Biographien, haben sich seit Zunz, Jost und Grätz die berufensten jüdischen Gelehrten erschöpfend geäußert. Ich kann mich daher hier auf einige Bemerkungen beschränken. Schon beim Studium der ersten Biographien staunen wir darüber, daß der Lernberger Buchhalter und Autodidakt bereits über den ganzen Apparat der historisch-kritischen Methode verfügt. In der Form ist jede Biographie ein Muster von Gedrängtheit, alles ist Tatsache, kein Wort ist überflüssig. Trotzdem gibt er uns mit den wenigen Strichen ein kräftiges, deutliches Bild des Menschen, seiner Geistesrichtung und seines Werkes, ja, es bleibt noch Platz übrig für entscheidende textkritische Bemerkungen. Das alles gibt er auf kaum 6—12 Buchseiten. Dann kommen die Hearot, denen Rapoport die mächtigen Quadern seines Riesenbaus entnimmt. Auch hier unendlicher Reichtum, unendliche Tiefe. Aus einem schier unentwirrbaren Dickicht von oft widersprechenden Tatsachen weiß er das unbestreitbar Richtige herauszufinden. Aus einer Menge zerstreuter Aeußerungen verschiedener Autoren rekonstruiert er die verlorengegangenen Werke seiner Helden und bringt es endlich fertig, angeblich selbständige Werke als einzelne Bestandteile bereits bekannter zu kennzeichnen. Ungeheuere Gelehrsamkeit, unvergleichlichen Scharfsinn und eine seltene Kombinationsgabe verraten uns seine Arbeiten. Dazu offenbart sich uns überall seine Kenntnis der historischen Methode, so z. B. wenn er die Zeit feststellt, in der sein Held gelebt und gewirkt hat, den Ideengehalt der Hauptwerke auseinandersetzt, wenn er vor Taine und St. Beuve den Einfluß von Milieu und Klima untersucht, oder endlich der Methode nachspürt, der unsere Großen bei Abfassung ihrer Werke gefolgt sind. Rapaport ist auch einer der glänzendsten Polemiker der jüdischen Literatur. Wir wollen hier seine berühmte Fehde gegen die Roim Fischman, Mohr und Bodek, die ihn in den unglücklichsten Jahren, als er in Tarnopol von allen Seiten gehetzt und verfolgt wurde, angriffen, nicht behandeln, weil in ihr zu viele persönliche Momente eine Rolle spielen. Es genüge uns, die letzte literarische Fehde seiner langen Gelehrtenlaufbahn darzustellen, in der uns der Sechsundsiebzigjährige an die schönsten Jahre seiner Jugend erinnert. Sie ist gegen Geigers 1857 erschienene ״Urschrift“1 gerichtet. Nach Geiger ist das Judentum eine in fortwährender Entwicklung begriffene Religion. Die Tatsache, daß biblischer Text und biblische Gestalten dem Volke so liebe und vertraute Bekannte geworden sind, daß sie in seinem Fühlen und Denken einen ganz bestimmten unverrückbaren Platz einnehmen, beachtet er nicht. So ändert er denn am Bibeltext vieles, was weiten Kreisen liebgeworden war. Das ging dem alten galizischen Rabbiner gegen den Strich. Und so schrieb er 1866 sein herrliches Büchlein Or Thorah2. Darin zeigt er sich uns — ebenso wie Geiger — als Gelehrter und genialer Bibelkenner und Kritiker, aber auch als warmer Jude, in dem das traditionelle Judentum mit all seinen Kräften wach ist. Stehen doch die einzelnen 1 Urschrift und Übersetzung* der Bibel in ihrer Abhängigkeit von der inneren Entwicklung des Judentums. Breslau 1857. 2 Nachlath Jehuda, Or Thora 1—242. Monatsschrift, 71. Jahrgang. 25

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