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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 6 · p. Seite 382

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 6
Article
Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
Date
1927-01-01
Page
Seite 382 (sequence 12)
Language
German
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382 zitternden Gliedern. Ein solcher Anblick mache auf unschuldige Gemüter einen tiefen Eindruck, obwohl auch die wilden Völker ähnlich beteten und ein solches Gebet als das der Lügenpropheten von der Tfilah kezarah des Propheten Eliahn unterschieden werde. Nächst dem Beten befleißigt sich unser Jüngling der Reinlichkeit, indem er einige Stunden täglich auf der Toilette zubringt. Im übrigen spricht er mit seinen Leuten, schimpft über die Epikuräer und Minäer (Ketzer) und betreibt die Lektüre leichter moraltheologischer Werke. Jetzt hält er sich bereits für einen Heiligen, zumal wenn er ein wenig Fasten und Selbstkasteiung auf sich nimmt. Wenn er sich nun in die Einsamkeit zurückzieht, gilt er bei der Menge bald als Heiliger. Jeden Tag kommt man jetzt bei ihm zum Gebet zusammen, an Samstagen und Feiertagen erscheinen gar Hunderte. Er erklärt bei dieser Gelegenheit die Thora in hochtrabender, kabbalistischer Weise, denn das gerade Denken hat er verlernt. Und groß ist sein Triumph, wenn er auf einige Sünder hinweisen kann, die ihn um Sühne gebeten und ihre Sünden eingestanden haben. Viele fragen ihn in Geschäften um Rat. Haben sie keinen Erfolg, nun, der Rabbi ist kein Gott! War der Rat gut, dann ist des Ruhmes kein Ende. Durch die Gewohnheit aber, mit vielen Menschen zu sprechen, die ihm ihre Geheimnisse anvertrauen, erlangt er eine gewisse Menschenkenntnis und vermag ohne Aufwand von Geisteskraft zu erraten, welchen Charakter ein Mensch hat, welchen Erfolg ein Unternehmen zu erwarten habe. Zu einer zweiten Gruppe von Heiligen gehörten geborene Betrüger und Popularität haschende Heuchler. Ueberhebung, Hochmut und halb wahnsinnige Gesten beim Gebete kennzeichnen sie. Gibt man ihnen wenig, so feilschen sie, und machen ein grimmiges Gesicht, bis der fromme Besucher mürbe wird. Diese Zaddikim seien allgemein verachtet. Kehre also zurück, ruft Rapaport seinem Freunde zu, ehe Trunkenbolde anfangen, dir freundlich auf die Achsel zu klopfen. Das zweite Schriftstück, das uns M. Letteris in seinen Memoiren (S. 122—125) mitteilt, zeigt uns Rapoport den Erzieher, wie er, ähnlich den alten Weisen Israels, bei jeder Gelegenheit heilsame Lehren erteilt. Ein junger Freund in einem kleinen Städtchen, bittet ihn um Rat, er möge ,,ihm den Weg zeigen, allwo das Licht weile/‘ Rapoport rät ihm, sich nicht blos an die Werke der neuen Maskilim zu halten, denn es gebe nur wenige, und belletristische und poetische Lektüre sei nicht charakterbildend. Er solle zu dem ursprünglichen Lebensquell gehen, zu Moses dem Sohne Maimons. Die Lektüre von dessen Werken werde ihn weise, seinen Nacken starr wie Eisen und seine Stirn ehern machen gegen alle Nachreder und Störenfriede, und er werde nicht jenen jüdischen Jünglingen gleichen, die von der wahren Chochmah blos Stroh und Spreu davontrügen und die als Buhler der Chochmah und als Gegner ihrer wahren Freunde angesehen werden könnten. Hier spricht nicht der Chassidimhaß des Maskil, sondern die Feindseligkeit des echten Talmudjuden, dem der Chassidismus als etwas Wildfremdes, Neuartiges, Unjüdisches erscheint, obwohl Rapoport wie wir später sehen werden, die Bedingungen seiner Entstehung genau kennt. Auch diesen seinen jungen Freund verdächtigt er des baldigen Abfalles zum Chassidismus.

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