Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 378 (sequence 8)
- Language
- German
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378 mit religionsphilosophischen Definitionen. Krochmal erläutert hier vorwiegend die Idee des Denkens und die es bezeichnenden Termini. Dies wird ihm zum Schlüssel für das Verständnis einzelner Kapitel der Thora und der Wurzeln der spezifischen Chochmath-Israel, d. h. der Lehre von den Sefiroth. Dieses, sowie das letzte Kapitel sind mit dem eigentlichen Werke nur lose verbunden. Das Eigentümliche in Krochmals Methode besteht darin, daß er sorgfältig die Wandlungen in den Hauptcharakterzügen des Volkes notiert. Es überwiegt bei ihm also der kulturhistorische und der völkerpsychologische Gesichtspunkt; es fehlt, wie z. B. bei Lamprecht, ganz und gar das vollendete historische Porträt. Er versteht es auch nicht nur aus vereinzelten und verstreuten Talmudsprüchen den etwaigen politischen und kulturhistorischen Zustand des Volkes herauszufinden, sondern er lehrt uns auch in der soviel kommen־־ tierten Bibel zwischen den Zeilen zu lesen und nach neuen Gesichtspunkten historische Tatsachen an den Tag zu bringen. — Trotzdem Krochmal überall die Kenntnis unseres Wesens fordert, ist er nichts weniger als einseitig. Um unser Wesen, die jüdische Seele und ihre Offenbarungen in unserer Geschichte genau kennen zu lernen, meint er, sei es nötig, unser jeweiliges Verhältnis zu unsern nicht jüdischen Mitbürgern und den Einfluß, den wir gegenseitig auf einander ausüben, kennen zu lernen. Krochmals Stil ist knapp und gehaltvoll. Jeder Satz ist ein abgeschlossener, vollendeter Gedanke. Nirgends eine überflüssige Wendung, ein entbehrlicher Zierat. Eine desto größere Wirkung übt es also, wenn er in kurzen Sätzen, in wunderschöner Sprache seine innere Anteilnahme zum Ausdruck bringt. So zum Beispiel, wenn er die Untaten der Nachfolger des Johann Hyrkan schildert, die davor nicht zurückscheuten, das Blut ihrer Untertanen zu vergießen. Der ,,More nebuche hasman“ ist ein in der jüdischen Literatur einzig dastehendes Werk. Er übertrifft in mancher Hinsicht den Doctor perplexorum, der einseitig rein metaphysischen Inhaltes ist und nicht alle Geistesrichtungen des jüdischen Volkes umspannt. Wie anders das Werk Krochmals! ״Da sehen wir — meint J. L. Landau1 — das jüdische Volk aus seinen geringsten Anfängen entstehen und wachsen, räumlich dann auseinandergerissen und gesprengt, im Geiste aber noch immer geeint und gefestigt. Geschichte und Philosophie fließen wie zwei Ströme ineinander, so daß kaum zu unterscheiden ist, welcher dem andern entspringt. Darin dürfte sich der Einfluß Hegels auf die Gedankenrichtung Krochmals hekünden. Wie der Grundgedanke der Phänomenologie der ist, daß die Geschichte der Welt der Geist der Welt sei, wie bei Hegel die Geschichtsauffassung metaphysisch und die Metaphysik historisch ist, so ist auch der leitende Gedanke Krochmals, daß der sich in der Zeit entwickelnde Menschengeist und somit auch der jüdische Geist dem ewig entwickelten absoluten Geist identisch sei/' Krochmals Einfluß auf seine Zeitgenossen war ungeheuer. Rapaport, Samson Bloch, Altmeister Zunz, Meier Letteris gestehen 1 Dr. I. L. Landau Nachman Krodimal, ein Hegelianer, Berlin, Galvary 1904, S. 14 ff.