Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 375 (sequence 5)
- Language
- German
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375 nides in allen ihren Teilen und in ihrer ganzen Ausdehnung zuerst erkannt und zu deren Lösung er seinen More-Nebuchim geschrieben habe. Hier spricht also ein moderner Maimonides, der seinen Zeitgenossen in praktischer Absicht den neuen More Nebuchim schenken will. Was aber Luzattos Vorwurf gegen die von Maimonides aufgestellten dreizehn Artikel anbelangt, so waren solche zwar nicht nötig zur Zeit der Einfachheit und Naivität, wohl aber zur Zeit der religiösen Spaltungen, die damals entstanden, als die Religion sich zur Religionsphilosophie entwickelte. Man mußte also Hauptpunkte aufstellen. Da aber die Artikel keine uralte Tradition bilden, haben auch die jeweiligen Weisen darüber fortwährend nachgeforscht und bald welche hinzugefügt, bald welche hinweggenommen, vor und nach Maimonides. In unserer Zeit z. B. soll die Pflicht der werktätigen Ausübung der Ritualien besonders betont werden. Schon Philo habe aufgefordert, bei allem Ver« ständnis des allegorischen Sinnes der Thora sich ja keine Geringschätzung des Rituals zuschulden kommen zu lassen. Die dreizehn Glaubensartikel schaden weder dem naiven, noch dem geläuterten Glauben. Sie sind ein rein wissenschaftlicher Behelf für die Gebildeten. Nachdem nun Krochmal durch ein Beispiel aus Maimonides Leben von diesem den Vorwurf der Intoleranz abgewälzt hat, weist er voll Entrüstung den Vorwurf zurück, Maimonides sei der Erste gewesen, der Halachot-psikot (feste Dezisionen) fixiert habe; das sei schon zur Zeit des Talmud und der Geonim, vierhundert Jahre vor Maimonides geschehen. Dieser Vorwurf allein genüge, um eine öffentliche Züchtigung L.s zu begründen. Den Vergleich zwischen dem Thora-Kommentar des Raschi und des Ibn-Esra müsse er entschieden zurückweisen. Diese haben nur soviel miteinander gemein, daß sie eben Kommentare sind. Kennzeichnend für Raschi ist trotz dessen Vorliebe für Drasch genaues Eingehen auf den Wortsinn, Klarheit des Gedankens und Reinheit der Sprache. Dagegen bilde Ibn-Esras Kommentar ein vollständiges, erhabenes, abgerundetes philosophisches System, das leider noch nicht gewürdigt und bekannt sei. Der Schluß dieser merkwürdigen Abfertigung lautet (Ib. 274): ״Grüsse, ich bitte Dich, in meinem Namen alle Weisen, so mit Dir Briefe wechseln; bezüglieh des teueren Weisen Samuel David Luzatto aber lege ich Dir die doppelte Bitte vor: Du mögest ihn treulich versichern, er sei mir für eine winzige Stunde und infolge gebotener Notwendigkeit ein Gegner gewesen, er sei mir aber lieb und teuer für alle meine übrigen Lebensjahre wegen seiner lieben Vorzüge und Fähigkeiten, mit denen er geschmückt ist. Krochmals Lebens werk ist der ans seinem Nachlasse von Zunz herausgegebene More nebuche hasman (Direktor perplexorum nostrae aetatis, Lemberg, Schnayder 1851). Dieses vom Altmeister der Wissenschaft des Judentums mit großer Mühe rekonstruirte Buch ist zwar dem ersten Anscheine nach ein riesiger Torso, bei näherem Zusehen aber erkennen wir, daß wir es mit einem Ganzen des jüdisehen Lebens, der jüdischen Wissenschaft zu tun haben. Bei Krochmal waren Bibel, Mischnah, Talmud, Midrasch und deren Kommentare nicht etwa tote Bücher, sondern echtes Leben, das sich in reichen Maßen, nach Ort und Zeit übersichtlich gegliedert, vor seinem geistigen Auge deutlich ausbreitete. Er ist hier nicht nur der große Gelehrte, sondern auch der große Lehrer seines Volkes. Er will hier den Juden dasselbe werden, was Maimonides seinerzeit seinen Zeitgenossen durch den More Nebuchim geworden ist: ein Wegweiser im inneren Widerstreite zwischen jüdischem und fremdem Wesen, zwischen Thora und fremder Philosophie. ,,Und er erhob seine Augen“ — sagt Zunz in der Einleitung —“ und sah, daß entbrannt war die Torheit und die Zanksucht und ob des Rauches des Brandes nissig ward die Erde. Und ihre Bewohner wandten den Rücken, die einen der Weisheit Jeschuruns, die andern jeglicher Ordnung und Wissenschaft. Die meisten verkauften Ueberlieferung und Massora um Gold und Silber . . . ., der jagt Scherzen nach, jeney