Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 373 (sequence 3)
- Language
- German
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373 sehen, italienischen, französischen, lateinischen und griechischen Sprache angeeignet. Von Philosophen verehrte er damals besonders Spinoza und Kant. Hegel, der in ihm seinen geistreichsten Jünger im Osten finden sollte, lernte er erst später kennen. Unter den fremdsprachlichen Dichtern begeisterte ihn am meisten Horaz. Oft deklamierte er laut in der Dämmerung die schönsten Stellen aus Horaz, indem seine Augen sich mit Tränen füllten. Während der Lemberger Hetze gegen die Maskilim (1815) wird auch Krochmal wegen seiner angeblichen Sympathie für das Karäertum angeklagt. Ein kleines Briefchen von ihm an den Chacham der benachbarten karäischen Zwerggemeinde in Kukizow, in dem er diesen trotz seines Bekenntnisses des ewigen Seelenheils würdig erklärt, wird in vielen Abschriften verbreitet und hämischer Kritik unterworfen. Nachman Krochmal schreibt jetzt seine berühmte Rechtfertigungsepistel ״Iggeret hisnazlot.“ Diese machte allenthalben starken Eindruck. Ja, einer seiner Gegner, ein beschränkter Talmudist, wollte sich fast ein Leid antun, daß er an solchem Teufelswerk —- wie er sich ausdrückte — Gefallen gefunden hatte1. Die Sache war ihm, dem galizischen Mendelsohn, nicht minder unangenehm, als seinerzeit dem Berliner Mendelsohn die Sache Lavater. Dies war auch der Grund, daß er, von den Wissenschaften aufgescheucht, sich für eine gewisse Zeit ganz ins Geschäft flüchtete. Nichtdestoweniger wurde seine unbesoldete, ja so sehr befehdete Lehrtätigkeit noch reger. Seine Vorträge fanden nach Art der alten Weisen, meistens in Feld und Wald statt, Gewöhnlich begann er mit der Weltgeschichte. Manchmal schickte er der Lektüre eines wertvollen Buches, literar-historische Bemerkungen voran, bald nahm er eine schwierige Talmudstelle zum Anlaß, um sich über die Zeit des betreffenden Tannaiten und die damaligen Weltverhältnisse zu äußern; bald wußte er an die Betrachtung eines Blümchens die anziehendsten Bemerkungen anzuknüpfen. Für die Begriffe seiner Schüler war er sozusagen die rechte Hebamme, für ihre Arbeiten der strenge unnachsichtige Richter. Auf diesen Spaziergängen empfing Rapaport die Anregung zu seinen großen, unsterblichen Werken. Seiner großen Bescheidenheit wegen war die Ausbeute seiner Forschungen von 1816 bis 1836 eine äußerst geringe. Krochmal wollte erst nach Versorgung seiner Kinder als Schriftsteller auftreten. Infolge Verschlimmerung seiner Vermögensumstände ging er 1836 nach Brody, wo ihm dank den dortigen Maskilim die Muße zuteil wurde, sein Lebenswerk auszuarbeiten. Aber schon 1838 mußte er wegen seines wirtschaftlichen Zusammenbruchs zu seiner Tochter nach Tarnopol ziehen. Das Jahr 1839 verging mit der Reinschrift einzelner Abschnitte seines Werkes. Im Frühjahr 1840 wurde von Berlin aus bei seiner Familie in Tarnopol angefragt, ob er nicht eine Stelle als Berliner Gemeinderabbiner annehmen wolle. Er erklärterer sei bereit, an einer Pflanzstelle für Rabbiner zu unterrichten, fühle aber keinerlei Neigung, ein Amt als Gewissensrat zu bekleiden. Vor seinem Tode ersuchte er seine Kinder, seine Schriften dem ihm nie persönlich bekannten Lippman Zunz einzusenden, damit dieser sie ordne und für den Druck vorbereite. Er verschied in den Armen 1 M. Letteris; Michtwe iwrith. Wien, Schlesinger, t$86!, S.!27 ff.