Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 372 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829943-2829949-2834193--47805-2834266- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2ל8 den jüdischen Gelehrten schon damals und früher verehrungswürdige Meister der Kritik, ״aber es war eine Kritik der Sachen, ein Spiel der Logik, eine Vertiefung in den Geist und Zusammenhang von Texten, nicht die schöpferische, die Vergangenheit belehrende historische Kritik“1. Eine solche Kritik, die den Personen nachgeht, die Zeiten ins Auge faßt, Urkunden prüft und Zeugen abhört“ — entbehren doch selbst die Werke Moses Mendelsohns der Zeugnisse für sein Verständnis der Bedeutung unserer Geschichte — dem slavischen, ja dem ganzen Judentum gegeben zu haben, ist das unsterbliche Verdienst zweier galizischer Juden: Nachman Krochmals und Jehuda Leib Rapoports. Trotz aller Enge der Verhältnisse, aller Hindernisse seitens einer fanatischen Menge, ohne Hilfe und Vorgänger, Kärrner und Baumeister in einer Person, gehen sie mit glühender Liebe zum Judentum an die Arbeit. Durch ihre wissenschaftliche nicht minder als durch ihre öffentliche Tätigkeit stellen beide den Höhepunkt der Haskala dar. Obwohl Rapaport schon lange in der ganzen wissenschaftlichen Welt berühmt war, ehe die Kunde vom galizischen Mendelsohn nach dem Westen drang, war doch der Einfluß dieses letzteren auf die galizische Haskala schon in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts ein so intensiver, daß wir billig in unserer Darstellung ihm den Vorrang vor seinem Jünger Rapaport lassen müssen. Geboren wurde Nachman Krochmal am 17. Februar 1785 im galizischen Athen, in Brody, in einem orthodoxen, aber unter dem Einfluß Mendelsohns stehenden Milieu. Sein Vater Schalom, ein reicher, weitgereister Kaufmann, hatte schon früh Gelegenheit, in Berlin Mendelsohn kennen und schätzen zu lernen. Der junge Nachman genoß keine regelmäßige Schulerziehung. Seine Mutter ließ sich, wie damals viele andere Mütter, auch das dreifache Schulgeld kosten, daß ihr Kind der Schule fernbleibe. Krochmal lernte erst 1793 deutsch lesen aus der Zeitung. Trotzdem stand seine talmudische Erziehung unter den Auspizien des Weisen von Dessau. Der Vater suchte den Geist des Knaben durch Mendelsohns philosophische Werke zu wecken, so daß Mendelsohn und seine Philosophie beim jungen Krochmal bald der Gegenstand seines Wachens und Träumens wurde. Mit kaum 14 Jahren, der strengen Sitte gemäß, nach 201kiew mit der Tochter des reichen Habermann verheiratet, hat er bald großes Leid wegen seiner Studien des ,,Meassef“ und des ,,More nebuchim“ auszustehen. Sein Bildungseifer wurde durch den Oberlehrer an der Zoikiewer israelitischen Normalschule, Baruch Neu, genährt, der ihm seine große Bibliothek zur Verfügung stellte. 1808, von einer durch zu eifriges Studium zugezogenen Krankheit genesen, lernte er durch seinen Bruder einige führende Persönlichkeiten des damaligen Lemberger Gelehrtenkreises: Bloch, Israel Bodek und Rapoport, kennen. Bald wurde er der Führer, zu dem aus dem nahen Lemberg und den umliegenden Ortschaften die Maskilim zu wallfahren begannen. Krochmal hatte sich indessen mit eisernem, durch lang anhaltende Krankheit ungeschwächtem Fleiß die Kenntnis der arabischen, syrischen, deut- 1 Dr. David Kaufmann, Das Centenarium S. J. L. Rapaports, Ausgabe der osterr. Wochenschrift zum 1. Juni 1890.