Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Sefer Maharil
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 369 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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führungeil über die Pflicht, zum ל״כ Verzeihung zu erbitten und zu gewähren: ״Verzeiht der Beleidigte bei der ersten Aussprache unter vier Augen nicht, so bringe man drei andere Personen mit und wiederhole vor ihnen seine Bitte, auch ein zweites und drittes Mal. Weigert sich der andere immer noch, so erscheine man mit zehn Personen, stelle sie in einer Reihe vor dem Beleidigten auf und spreche zu ihnen: ,Ich habe mich gegen N. N. vergangen, und er will mir nicht verzeihen' — dann sieht Gott, daß er sich vor seinem Gegner demütigt und erbarmt sich seiner und vergibt ihm. Bei diesen Sühnegängen wende man drei Arten von Sühne versuchen an, in der Weise der Brüder Josefs, die zu ihm sprachen: אנא — שא — נא. — Aber der um Verzeihung Gebetene sei nicht hartherzig! Wie kann er sein Herz verhärten und die Bitte versagen, da er doch selber den ganzen י״כ vom Herrn des Alls Verzeihung seiner Sünden erflehen will! Um wieviel tausendmal muß er, ein sterblicher Mensch, Moder und Gewürm, an seinem Nebenmenschen Nachsicht üben! Und er bedenke: Wenn er grausam ist und nicht verzeiht, verzeiht Gott auch ihm nicht, wie es heißt :נשא עין וצבר על פשצ. Wem verzeiht Gott? Nur dem, der selber Missetat vergibt/‘ (Die letzte Deutung wohl nicht nach den Regeln der Grammatik, aber eben aus dem Zuge des Herzens.) Dieses Innige und Gemütvolle kommt, das ist weiter gar kein Wunder, in Maharils Verhältnis zu Frau und Kindern zum Ausdruck, wie auch in gelegentlichen Aeußerungen über die Frauen überhaupt. ,,Wenn der Maharil“, — so beginnen die לקוטים und stellen damit sicher eine ganz besondere Eigenart des Meisters an die Spitze — ״wenn der Maharil zu anderen von seinem Weibe sprach, dann sagte er in deutscher Sprache; ,mein Hausfrau‘ entsprechend dem Bekenntnis des R. Jose: ,All mein Lebtag nannte ich mein Weib nicht ,mein Weib‘, sondern ,mein Haus‘. Und wenn er mit ihr selber sprach, dann sagte er in deutscher Sprache: ,Hört ihr nit‘‘ — obschon sie allein war, ehrte er sie in der Anrede, als ob er mit vielen spräche“. Wie ist da (ich habe schon an anderer Stelle darauf hingewiesen) in Maharils treuherzigem ,,Mein Hausfrau, hört ihr nit“ Jüdisches und Deutsches eine innerliche Verbindung miteinander eingegangen? Und es paßt zu dieser Verehrung seiner Frau die Hochschätzung der Frauen überhaupt, wie sie etwa in der Bemerkung in חל' שמחלת zum Ausdruck kommt: ,,Die Frauen der Thorajünger, die Tag und Nacht auf das Kommen ihrer Männer aus dem Lehrhaus warten und mit Speise und Trank sie bedienen, sind, in bezug auf die Trauergebräuche, zu betrachten, כמי" שקלו ותנו בצצמן, als ob sie selber die Thora lernten und lehrten.“ Dort, in הל׳ שמחות, entrollt sich auch ein ergreifendes Bild, für die Person des Maharil wie für den jüdischen Gebrauch überhaupt, aus den Nachrichten über seine Trauer bei dem Tode seiner Frau. Ich gebe diesen Bericht in wörtlicher Uebersetzung, weil er in seiner Schlichtheit und religiösen Selbstverständlichkeit ein ebenso starkes Ethos wie ungewolltes Pathos ausströmt, die für den Charakter des Buches und seinen jüdisch-menschlichen Wert ein hohes und treffliebes Zeugnis geben. ,,Beim Leichenbegängnis seiner Frau, deren Hinscheiden ein Jahr vor seinem eigenen Tode erfolgte, ging Maharil an der Spitze Monatsschrift, 71. Jahrgang. 24