Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Sefer Maharil
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 368 (sequence 5)
- Language
- German
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368 glaubt, durch andächtiges Aufsagen dieser Gedichte die ganze religiöse Pflicht abzuleisten. Und dabei ist in ,ihnen doch nichts enthalten als der jüdische Glaube, aber keine der 613 Mizwaus, auf die Israel verpflichtet ist/' — Wer kennt solche j ü d i s c h e Glaubensartikel in deutschen Reimen aus dem 14—15. Jahrhundert und von einer so eigentümlich modern an־ mutenden Wirkung auf weite jüdische Kreise, mit denen sich Maharil hier auseinandersetzt? Hier sei auch ein Wort über die Methode des Maharil angefügt, d. h. über die Quellennachweise im Sefer selbst und die Begründung seiner halachisehen Entscheidungen. Auch hier fehlt jedes System. In tausend Fällen steht ein Hinweis auf frühere Schriften und Lehrer, in tausend anderen wieder nicht. Aber das eine ist festzustellen, daß in einer großen Anzahl von Entscheidungen und Begründungen Maharil zur primären Quelle, zum Talmud und zum Bibelverse selber hinabsteigt. Dabei ergeben sich originelle Zusammenhänge. So begründet Maharil den Minhag, daß, beim Ausheben von zwei Thorarollen, das erste zur גלילה erst auf genommen wird, wenn das zweite schon auf dem שלחן liegt, mit dem Hinweis auf die Mischna (1Vfl פסחים), wonach der Priester beim Sprengen des Pesachopferblutes das leere Gefäß nicht zurückgab, bevor er das volle wieder in der Hand hatte: so wird auch die ausgelesene Thorarolle nicht zurückgegeben, bevor die noch ״frische" bereit liegt. — Oder er rechtfertigt seine Uebung, wenn das ״Verhören" der Schüler bis unmittelbar vor Nacht gedauert hatte, auch dann noch מנחה zu beten, mit dem Ausspruch von R. Jose im Talmud (״ (פ׳ כל כתבייEs sei mein Teil mit denen, die den Sabbat empfangen in Tiberias und ihn beschließen in Sephoris" ־— wonach also die im Tal Wohnenden, denen die Sonne früher untergeht, mit dem auf den Bergen noch vorhandenen Tag rechnen und im Notfall sich danach richten dürfen. — Oder er erlaubt den Knaben, am יום כפור nach מנחה mit Nüssen zu spielen, um der Kasteiung willen, sie in der Hand zu haben und nicht essen zu dürfen: er beruft sich dabei auf die Talmudstelle (פ׳ אלו קשרים) nach der man am י״כ von מנחה an mit Gemüseblättern und anderen Speisen in solcher Art sich beschäftigte, um dadurch die Schwere des Fastens noch zu erhöhen in diesen Nachmittagsstunden, in denen man schon sehnsüchtig auf das Essen wartet. II. Mehr als der Gelehrte, — das bedingt, wie schon hervorgehoben, die ganze Anlage und Entstehung des Buches — tritt uns der Mensch Maharil aus seinem Sefer entgegen, in allen Aeußerungen des jüdischen Menschen seiner Zeit. Aber man darf hinzufügen: nicht nur der jüdische, auch der deutsche Mensch. Man sagt ja gerne, daß es für das deutsche Wort und seinen Begriff ״Gemüt" keinen anderssprachlichen Ersatz gebe. Nun, ״Gemüt" durchweht die Halachah des Maharil; etwas Verinnerlichtes, Liebevolles und Anschmiegsames webt um seine Gestalt und verklärt die unbeugsame Strenge seiner religiösen Gewissenhaftigkeit. Von ihm stammt der Brauch, ein verkehrt liegendes jüdisches Buch zu küssen, bevor es zurechtgelegt wird. Und wieviel Gemüt spricht, um wieder ein Beispiel aus den ה, ליל יום הכפורום zu bringen, aus den folgenden Aus-