Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Sefer Maharil
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 366 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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366 wirkte in sich die Lehre des Meisters aus, nicht als ein Literatur־• produkt, sondern als eine schöpferische und nachgeschaffene Tat. Auch von diesem Standpunkt aus scheint die Leistung des Maharil ein anderes Werturteil zu verdienen, als sie bei Grätz gefunden hat. I. Was die eigentliche Art und Wissenschaft des Sefer Maharil betrifft, so kann es, an anderen Religionscodices gemessen, ganz zu schweigen von denen eines Alfasi, Maimonides, Jakob ben Ascher oder des späteren Josef Karo, auch mit Leistungen etwa eines Rokeach, Or Sarua oder Mordechai nicht in eine Reihe gestellt werden. Maharils Sefer entbehrt in der Anlage des Systems, in der Ausführung der Vollständigkeit. Mit הלכות ראש חדש beginnend bringt es zunächst die דיינים über alle besonderen Tage, in loser Anlehnung an den Kalender, mit ausführlichster Berücksichtigung der gesamten Liturgie und des gottesdienstlichen Ritus. Dann folgen die allgemeinen הלכות תפלה. Eine weitere Abteilung bilden ה״ נישואין, מילה, פד הכן, נימין וחליצה. Der nächste größere Teil bringt als הלכות איפור והיתר alles, was zu den Speisevorschriften gehört. Den Abschluß bilden ה# ציצית ותפלין, מזוזה, נדה ומכילה und ה, שמחות. In den einzelnen Abschnitten selbst reiht sich durchaus willkürlich und ohne innere Ordnung ein Hinweis an den anderen; von einer Ausschöpfung der Materie kann keine Rede sein. Aber diesem Mangel steht, ganz abgesehen von der gewaltigen Gelehrsamkeit und Belesenheit, die sich auch in diesem Torso eines Codex verbergen, ein eigenartiger Vorzug gegenüber: das ist das Persönlich- Gegenwärtige und Heimatlich-Bodenständige des Buches. Dieses Buch ist kein ausgeklügeltes System, weil es Leben ist: ein treu geschildertes Leben mit all der Vielgestaltigkeit und Mannigfaltigkeit der religionsgesetzlichen Probleme, die jede einzelne Stunde an eine solche, in תורה und מצוות aufgehende und für einen weiten Kreis absolut maßgebende Persönlichkeit heranbringt. Und dieser Kreis ist selbstverständlich in seinen Mittelpunkt miteinbezogen. Nicht nur das Haus des Rabbi erscheint vor uns, seine Familie und seine Schüler (von denen einer auch einmal dem Haus- שמש die Eßschüssel an den Kopf wirft!), — nein, neben der Mainzer Gemeinde spielt und wirkt der ganze rheinische Bezirk mit, die ,Städte und Städtchen mit ihren קהלות und רכנים, die gesamte Einwohnerschaft mit ihren Trachten •und Gewohnheiten, die Fürsten und Herren mit ihrem Gehaben und Befehlen, ihren guten und schlechten Eigenschaften. So entrollt sich auf religiösem Untergrund ein buntes und bewegtes Zeitbild. Jüdisches und allgemeines Wesen des Mittelalters, eigene und fremde Gesittung und Kultur formen sich heraus, die Fluten des Rheins rauschen durch die vergilbten Blätter, aus ihren Zeilen erhebt sich reges Volksgewimmel an den Furten und auf den Schiffen, — und das richtige Konterfei etwa eines mittelalterlichen Vagabunden (im guten Sinne) ersteht vor uns, wenn wir Maharils Weisung lesen: ״Wer auf die Wanderschaft geht, der soll in kurzen Kleidern gehen, כלדך הריקים nach Art der Stromer, die Schuhe unter die Kniee heruntergelassen und ihre Riemen ringsum nachschleifend, nicht aber wie die reichen Leute: in langen