Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Sefer Maharil
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 365 (sequence 2)
- Language
- German
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365 sie von ihren Lehrern überkommen hatten/‘ (Grätz, Geschichte der Juden, Bd. 8, S. 11/12). Für eine wohlwollendere und vermutlich auch richtigere Beurteilung als die angeführte ist zunächst ein Blick nötig auf die Art und Weise der Entstehung des Buches, das den Namen des Maharil trägt und das laut Titelblatt ״zusammenfaßt und ordnet die Gebräuche der heiligen Gemeinden in Deutschland, den Herzen den Weg zu weisen, den sie zu gehen, die Tat zu künden, die sie zu verrichten haben, von des Jahres Anfang bis zu seinem Ende“. Maharil selbst hat es nicht verfaßt. Sein Schüler זלמץ משים",, גווער״א (Salman aus Sankt Goar?) hat es zusammengestellt und bekennt von sich und darüber in der Vorrede: ״Bin ich auch nicht würdig, auch nur die Aehren (doppelsinnig geschrieben: אומרי״ם) hinter den Schnittern aufzulesen, so habe ich mir doch ein Herz gefaßt, gemäß dem, was geschrieben steht, der Minhag hebt die Halachah auf — damit ist nur der Minhag der Frommen gemeint, aber kein anderer, der nur Irrtum und bloße Meinung ist. Darum habe ich gestrebt, und mich gemüht, die religiöse Uebung des von mir מה׳ירי ם״נל genannten Gottesmannes zu schauen und zu erforschen. Sind auch viele Dinge, die ich aufgezeichnet habe, einfach und jedermann bekannt, so habe ich sie dennoch niedergeschrieben, als Gesetzesentscheidungen eines Großen, der würdig ist, daß man ׳־sich nach ihm richte, wie er selber die Tradition seiner großen Lehrer empfangen hatte und peinlich genau befolgte. — So wie ich seine דרשות gehört habe, so und so oft, Jahr für Jahr, wie er es gewohnt war, am שבת הגדול, am שבת vor den י״נ und am ש׳ שובה — so wie ich es hörte und ihn bei der religiösen Handlung sah, so habe ich es in diesem Buche zusammengestellt, zur Erinnerung und zum Andenken seines großen Namens.“ Daraus ergibt sich zunächst, daß der Maharil für sein Sefer gar nicht verantwortlich ist, wenigstens, soweit Anordnung und Auswahl des Stoffes und die Sprache des Buches in Betracht kommen. Aber es ergibt sich noch ein anderes, Positives. משה קבל תורה מסיני ומסרה ליהושע — wir sehen hier: jüdische ״Tradition“ ist kein abgeschlossenes Faktum, sondern ein lebendiges, fortwirkendes Ereignis. Auf den Schultern seiner Lehrer steht der Meister, und von ihm empfängt's der Schüler, von Mund zu Mund und als tägliches Erlebnis; und weil er selber zu rein mündlicher Weitergabe sich zu schwach fühlt, so zeichnet er's auf, macht die תורה שבעל פה zu einer תורה שבכתב. Darin kann man füglich etwas anderes erblicken als Geistlosigkeit und Stumpfsinn. Das ist der Quell, der ursprüngliche, reine Quell des jüdischen Geistes, in seiner Frische, Fülle und Befruchtung. Das ist der Mensch selber als Buch, als ein Buch mit lebenden Lettern und sprechenden, schwingenden Seiten. — Und an ein zweites gemahnt die Entstehung dieses Sefer: an jüdisch-geistiges Volkstum, an jüdische Universitas -literarum. An die ירחי כלה in Babylon denken wir, an die Monate Elul und Adar, in denen das ganze jüdische Volk ein einziges wissenschaftliches Kolleg bildete zu den Füßen seiner großen Lehrer, wenn wir uns Maharil vorstellen in seinen דרשות vor den hohen Festen. Nicht einzelne, die Gesamtheit war. sein Publikum und