Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Das Problem der Säkularisierung des Judentums
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 349 (sequence 19)
- Language
- German
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349 Diese Tatsache bildet den wahren Gegenstand des sogenannten Säkularisierungsproblems. Sein Ernst leuchtet ohne weiteres ein: die Ueberhandnahme der Antireligiosität und schon eine fortschreitende Schwächung der Religiosität entzieht allmählich der jüdischen Religion, dem B'rithvolkstum, ihre Träger und bedroht damit indirekt ihren, des historischen Judentums, Fortbestand. Die richtige Fassung des Säkularisierungsproblems lautet also: Wie steht es um die Zukunft der jüdischen Religiosität als der Grundlage der jüdischen Religion, d. h. des BTithvolkstums oder des historischen Judentums? Der Frage kommt eine zweifache Bedeutung zu, eine rein theoretische und eine praktische. Im ersten Fall zielt sie einfach auf die Erkenntnis der Zukunft und läßt sich nur durch einen Propheten beantworten. Im zweiten Fall, der natürlich allein uns beschäftigen kann, geht sie auf die Gestaltung der Zukunft: was soll geschehen, um die historische jüdische Religiosität zu stärken? Daß überhaupt etwas zu dem Zwecke geschehen, daß überhaupt jene Art Religiosität gefördert und dadurch das historische Judentum erhalten und gesichert werden soll, bildet die stillschweigende Voraussetzung. Es darf aber keine Unklarheit über den Charakter dieser Voraussetzung herrschen. Die jüdische Religion in ihrem historischen Vollsinn stellt freilich von sich aus die dauernde, unendliche Aufgabe des Volkes Israel dar. Indessen bleibt es immer dem Willen des Einzelnen anheimgegeben, ob er persönlich die Aufgabe anerkennt oder ablehnt. Mit anderen Worten, ob das historische Judentum fortgesetzt und weiterentwickelt oder durch ein völlig neuartiges rein weltlichnationales, säkularisiertes jüdisches Volkstum abgelöst, und entsprechend, ob die historische jüdische Religiosität gepflegt oder zum Absterben gebracht werden soll, ist für den Einzelnen eine persönliche, subjektive Willensfrage. Die Antwort gehört zu jenen letzten Ent- Scheidungen, die nicht mehr weiter begründbär sind, da sie selbst als Urgründe auftreten, sozusagen als Ursetzungen des Ich, in der ganzen Persönlichkeit wurzelnd und aus ihren Tiefen hervorquellend. Nur das Eine läßt sich objektiv anführen, daß kein eigentliches Recht besteht, für irgend ein neues Volkstum, das mit dem historischen Judentum und evtl, iiir eine neue Art von Religiosität, die mit der historischen keinerlei Wesensidentität oder nur Wesensverwandtschaft besitzt, trotzdem den Namen ,,Judentum“ und ,,jüdisch“ zu usurpieren. Doch wäre das schließlich einer der häufigen Fälle terminologischer Willkür bzw. des Bedeutungswandels eines Begriffs. So oder so: sachlich läuft die Stellungnahme zu der Frage auf ein persönliches Bekenntnis hinaus. Nur wo die Voraussetzung eines solchen Bekenntnisses zum historischen jüdischen B’rithvolkstum gegeben ist, hat das Problem der Säkularisierung in seiner endgültigen exakten Formulierung: was soll׳ zur Förderung der historischen jüdischen Religiosität geschehen? Berechtigung und ernste Bedeutung. Die Fortsetzung unserer Darlegungen erfordert daher die hiermit geleistete ausdrückliche persönliche Erklärung des Verfassers, daß für ihn jene Voraussetzung zutrifft. Was soll nun zur Förderung der Religiosität praktisch geschehen? Die .moderne Tendenz auf Erweiterung des jüdischen Lebens, auf Wiederherstellung eines vollen jüdischen Volkstums wenigstens