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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 6 · p. Seite 348

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 6
Article
Das Problem der Säkularisierung des Judentums
Date
1927-01-01
Page
Seite 348 (sequence 18)
Language
German
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348 spätere, talmudisch-rabbinische Zeit. Nur insofern hat sieh eine innere Entwicklung vollzogen, als die ursprüngliche Lehre in der Agadah einschließlich Philosophie und Kabbala eine Fortbildung erfuhr, und ähnlich das ursprüngliche Thoragesetz in der Halachah, die als einigermaßen modifizierte zweite Form der B'rithgesetzes- Verfassung angesprochen werden kann. Doch wird dadurch das Wesen der B'rithlehre und des B’rithgesetzes in keiner Weise berührt. Trotzdem auch für die talmudisch-rabbinische Epoche Judentum oder jüdische Religion prinzipiell wie früher gleichbedeutend blieb mit totalem jüdischem B'rithvolkstum, verengten die äußeren Verhältnisse den Kreis des wirklichen jüdischen Lebens immer mehr, bis es in den meisten Ländern beinahe auf die Sphäre des Kultus zusammenschrumpfte. So kam es schließlich, daß man diese äußerlich und zeitlich bedingte verkümmerte Existenzform des Judentums mit seiner essentiellen Form verwechseln konnte und als eigentliches Judentum ansah, was in Wahrheit nur oder fast nur das Gebiet des jüdischen Kultus war. Seit über einem Jahrhundert beginnt wieder allenthalben eine Erweiterung des jüdischen Lebenskreises. Ganz besonders in Erez Israel vollzieht sich neuerdings der Prozeß der Rückwandlung des Judentums zu einem totalen Volkstum, das alle Gebiete einer natio-־ nalen Kultur umfassen will. Das Judentum hört endlich auf, lediglich Kultus zu sein und fängt wieder an, jüdische Religion in der ursprünglichen historischen Bedeutung des Begriffs zu werden: totales, alle Lebensgebiete umfassendes jüdisches B'rith volles tum. Eine solche Erweiterung des Judentums wird notwendig eine gewisse Modifikation der B’rithgesetzesVerfassung bewirken, soweit es sich mit deren Geist verträgt, analog der früheren ununterbrochenen Entwicklung der Halachah. Ebenso wird die B'rithlehre unter dem Einfluß des neuen reichen Lebens sich weiter entfalten nach dem Vorgang der Agadah und Religiönsphilosophie. Die moderne Erweiterungstendenz des Judentums hat an und für sich nichts zu tun mit einer Säkularisierung desselben, d. h. mit dem Bestreben, das Judentum seines historischen Charakters als B'rith volkstum zu entkleiden. Säkularisierung liegt allein dort vor, wo die B'rithidee oder ihre Inhaltskomponenten B'rithlehre und B'rithgesetz wirklich — nicht nur scheinbar — und grundsätzlich geleugnet werden, was kurz als Antireligiosität bezeichnet sei. Solche Antireligiosität ist ihrem Wesen nach etwas Individuelles, Person־ liches. Als Programmpunkt einer jüdischen Partei oder Richtung dürfte sie sich höchstens bei vereinzelten kommunistischen oder sozialistischen Gruppen finden. Richtig ist allerdings ein Doppeltes: einmal, daß es heute viele jüdische Individuen gibt, die persönlich die B'rithidee und was ihren Inhalt ausmacht, grundsätzlich verneinen; sodann, daß auch dort, wo solche eigentliche Antireligiosität nicht vorliegt, doch oftmals eine Schwächung der Religiosität1 und entsprechend eine starke Vernachlässigung des ganzen Kultusgebiets konstatiert werden muß. 1 Wo im folgenden oft nur kurz der Ausdruck Religiosität gebraucht wird, meine ich immer die wiederholt definierte jüdische Religiosität i n i h rer historischen Bedeutung.

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