Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 6 · p. Seite 347

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 6
Article
Das Problem der Säkularisierung des Judentums
Date
1927-01-01
Page
Seite 347 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2829132-2829943-2829949-2834190--47774-2834241
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

347 eine autoritative Behörde wirksam mittätig gedacht werden mag.. Auf solche Weise läßt sich eine׳ allmähliche Erweiterung und Modifikation des Gesetzes im einzelnen erwarten und innerhalb der Grenzen, des von ihm selbst Erlaubten fördern, bis schließlich die B’rithlehre ihre dritte Form der Verwirklichung gefunden, dies B’rithgesetz seine dritte Gestalt angenommen hat — in organischem Wachstum aus der zweiten, der talmudisch-rabbinischen, wie diese einst aus der ersten, der mosaischen. Ob ein derartiger Evolutionismus — als Hoffnung und Wille — mit den Prinzipien des agudistischen Einheitsstandpunktes verträglich ist, scheint mir höchst zweifelhaft. Wir stehen mit ihm offenbar schon an der Schwelle einer andern Richtung: einer zweiten, nichtagudistischen Form der Einheitsauffassung des Judentums, deren Grundzüge der folgende Abschnitt auf zeigen wird. IV. Die eigene Stellungnahme• Die vorangehende kritische Würdigung der bisherigen Stellungnahmen zum Säkularisierungsproblem glaube ich für völlig zureichend zur Begründung eines eigenen Standpunktes ansehen zu dürfen. Sie enthält schon auch die meisten dazu erforderlichen positiven Elemente, so daß es in der Hauptsache nur noch auf deren systematische Zusammenfassung ankommt, die in knapper, thesenhafter Formulierung gegeben werden, soll. Allerdings sind einige wichtige Punkte neu hinzuzufügen, deren Erörterung am besten erst jetzt, geschieht. Dergestalt gelangen wir zur folgenden Gesamtdarstellung. Das Judentum ist seinem geschichtlichen Wesen nach das totale, jüdische Volkstum, grundsätzlich alle Gebiete einer materiellen und ideellen nationalen Gesamtkultur umfassend, jedoch unter der determinierenden Idee des B'rith. Die B’rithidee wird inhaltlich bestimmt durch die B’rithlehre und die B’rithgesetzesverfassung, so daß das totale jüdische Volkstum verwirklichtes B’rith volkstum oder Gottesvolkstum sein soll. Dieses aufgegebene, als unendliche Aufgabe zu realisierende B'rithvolkstum ist die historische jüdische Religion., Die Begriffe ,,historisches Judentum", ,,B'rithvolkstum", ,,jüdische Religion" bedeuten also das Nämliche. Eine besondere Sphäre der. Religion innerhalb des jüdischen Volkstums, das als solches nicht Religion wäre, bildet mithin einen inneren Widerspruch für das geschichtliche jüdische Selbstbewußtsein. Von der jüdischen Religion oder dem totalen jüdischen B’rithvolkstum ist wohl zu unterscheiden die jüdische Religiosität als das persönliche Erfülltsein von der inhaltlich bestimmten B'rithidee, genauer als die persönliche tätige Bejahung der jüdischen Religion auf Grund quellenmäßiger Kenntnis ihres Wesens. Und es gibt innerhalb des totalen jüdischen Volkstums oder der jüdischen Religion ein eigenes Gebiet mit einer Reihe von Einrichtungen, das vorwiegend der Erhaltung und Pflege der jüdischen Religiosität dienen will und mit dem Namen Kultus bezeichnet werden mag. Einen religiösem Vorrang vor den übrigen Gebieten des ja im ganzen religiösen jüdischen Volkstums kann der Kultus an sich nicht beanspruchen. Die hier skizzierte allgemeine Charakteristik des historischen Judentums gilt nicht nur für die biblische,' sondern auch für die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.