Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Das Problem der Säkularisierung des Judentums
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 345 (sequence 15)
- Language
- German
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345 Auch. J. Guttmanns Problemlösung kommt im Grunde auf die Forderung einer Stärkung der Religiosität hinaus. Es fragt sich aber, ob diese Forderung bei seiner grundsätzlichen Anerkennung dessen, was er unter ״Säkularisierung" versteht, sinnvoll noch aufrecht zu erhalten ist. Wenn das Gesamtjudentum, wie er meint, rein weltliches Volkstum wird, werden muß, so kann es innerhalb desselben die von ihm erhoffte und erstrebte jüdische ״Religion im ausschließenderen Sinn" unmöglich mehr geben. Entweder behält das Judentum überhaupt, das Gesamt Judentum, seinen historischen Charakter als B'rithvolkstum/ dann bleibt es eben das synthetische religiös-nationale Ganze wie bisher, Religion im alten umfassenden Sinn. Oder es verliert jenen geschichtlichen Charakter, dann hört das mit der jüdischen Religion in ihrer historischen Bedeutung identische B'rithvolkstum auf und macht einem neuartigen Volkstum Platz, in dem es natürlich nicht mehr die — ja gerade verschwundene — alte jüdische Religion ״im ausschließenderen Sinn" geben kann:,, sondern höchstens ein aus isolierten Teilstücken derselben zurechtgemachtes Neues, eine neugebildete Religion bzw. Religiosität oder einen neuen Kultus. ׳Entsteht ein dem Wesen nach völlig neues- Volkstum, das sich nur zu Unrecht weiter Judentum nennt, so entsteht damit, wenn überhaupt, eine völlig neue ״jüdische*״ Religion und Religiosität. Auf Grund dieser Ueberlegung wird die Ablehnung des ganzen Sonderungsstandpunktes auch nach seiner von uns vorgenommenen Beziehung auf die Religiositätsfrage zur Notwendigkeit. Wenn der Purpur fällt, muß auch der Herzog nach. Mit dem religiös-nationalen Charakter des Totaljudentums, mit dem historischen Judentum׳ als totalem jüdischen Volkstum unter der B’rithidee verschwindet zugleich unweigerlich die jüdische Religiosität, die nichts anderes ist, als dessen persönliche tätige Bejahung. — Die Verwerfung des Sonderungsstandpunktes bedeutet, nachdem es ein Drittes nicht gibt, die Anerkennung des Einheitsstandpunktes. Von jüdischer Religiosität darf demnach nur dort die Rede sein, wo jüdische Religion als das historische totale B’rithvolkstum gilt. Gleichwohl erhebt sich die Frage, ob die von Breuer bzw. der agudistischen Orthodoxie vertretene Form des Eihheitsstandpunktes die einzig mögliche ist. Mir scheint, daß gegen sie ernste Bedenken vorliegen. Zu Unrecht sieht Breuer in der Zionistischen Bewegung die eigentliche oder ausschließliche Trägerin der Säkularisierung. In seiner oder unserer Weise verstanden bildet die letztere, wie mehrfach ausgesprochen, eine allgemeine Erscheinung des modernen Judentums, die beim Palästinaaufbau und was damit zusammenhängt, lediglich am deutlichsten hervortritt1. Wichtiger ist ein Zweites. Bei Breuer wie beim Agudismus im allgemeinen hat man zumeist den Eindruck, daß trotz stärkster grundsätzlicher Betonung des einheitlichen religiös-nationalen Wesens des Gesamt Judentums tatsächlich doch unter Judentum nur ungefähr 1 Um den bezüglichen Anschauungen Isaak Breuers, wie sie es verdienen, völlig gerecht zu werden, bedürfte es einer eingehenden Gesamtkritik seiner zahlreichen Schriften, die hier selbstverständlich ausgeschlossen ist.