Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Das Problem der Säkularisierung des Judentums
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 343 (sequence 13)
- Language
- German
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343 Was die Vertreter der beiden Standpunkte zu ihrer falschen: Deutung der Tatsachen verführte׳, ist leicht ersichtlich. Die ״religiöse Sphäre' von der die Theoretiker des Sonderungsstandpunktes sprechen1, deckt sich mit dem, was vorhin ,,Judentum des Galuth" hieß. Dieses aber fällt in den letzten Jahrhunderten wo nicht ganz, so doch annähernd mit dem Gebiet zusammen, das wir Kultus nannten2. Es liegt also offenbar eine Verwechslung vor zwischen der Sphäre der jüdischen R e 1 i g i o n und derjenigen der jüdischen Re ligiositätspflege. Alles aus dem Kreis der traditionellen Religiositätspflege, des Kultus, Herausfallende, z. B. die moderne jüdische Politik, der moderne jüdische Palästinaaufbau, die moderne hebräische Literatur, betrachten die Theoretiker irrtümlich als aus dem Kreis der Religion herausfallend.. In Wahrheit jedoch, um es immer von neuem zu sagen, gehören alle diese Gebiete so gut wie das des Kultus durchaus zur Sphäre der jüdischen Religion, die das gesamte jüdische Volksleben umfaßt, totales B’rith volkstum ist. Der Nachweis, daß die Problemstellung bei den Theoretikern solchermaßen durchgängig auf völliger Verkennung des wahren Sach-. Verhalts, auf völlig irrigen Voraussetzungen beruht, müßte eigentlich das ganze Problem der Säkularisierung des Judentums in wesenlosem Scheine versinken lassen. Indessen ist die Vermutung nicht abzuweisen, daß eine derart schwerwiegende und weitreichende Frage doch kaum einfach aus der Luft gegriffen sein kann, zumal führende Geister der verschiedensten Richtungen sie.aufwerfen und ernsthaft diskutieren. Tatsächlich liegt ihr auch bei genauerem Zusehen etwas durchaus Richtiges zugrunde. Die Theoretiker ״weissagen, ohne zu wissen, was sie weissagen"., Um das Problem einer Säkularisierung geht es allerdings, nur nicht um die des Judentums, sondern, wie wir schon feststellten, um die eines großen Teils der Judenheit:— um das Problem der inividu eilen Antireligiosität oder mindestens Areligiosität, was praktisch zumeist ungefähr auf das Gleiche hinausläuft. Unverkennbar wird in weiten Kreisen der modernen Judenheit die Religiosität im historisch-jüdischen Sinn des Wortes schwächer und unmerklicher. Die ״persönliche tätige Bejahung der jüdischen Religion (d. h. des historischen Judentums) auf Grund quellenmäßiger Kenntnis ihres Wesens" schwindet bei sehr vielen jüdischen Individuen und mit ihr selbstverständlich das Interesse für. die ganze Sphäre der Religiositätspflege, des Kultus, um einer mehr oder weniger grundsätzlichen Verneinung Platz zu machen. Ob an die Stelle der Religiosität ein betont areligiöser jüdischer Nationalismus tritt, ob das Vakuum unausgeführt bleibt, oder der öffentliche Abfall vom Judentum erfolgt, ist für die Frage grundsätzlich bedeutungslos, so groß in praxi natürlich der Unterschied sein kann. Die Bedenklichkeit des Zustandes liegt klar zu Tage. Ohne Träger der jüdischen Religiosität gibt es keine jüdische Religion, ohne Träger der B’rithidee und ihrer Inhalte — Lehre und Gesetz — 1 Vom Vertreter des Einheitsstandpunktes wird erst später die Rede sein. 2 S. oben S. 339. Nur das halb und halb doch dazugehörige Armenwesen und ״Schtadlanuth“ sowie in manchen Ländern ein Rudiment der ehemaligen Rechtspflege gab es im späteren Galuthjudentum noch außer dem Kultus.