Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Das Problem der Säkularisierung des Judentums
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 342 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2829132-2829943-2829949-2834190--47769-2834236- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
342 Jom Kippur und dergleichen desto stärkere Beachtung finden. Oder unter Umständen geht die eigentliche Meinung dahin, daß die überlieferten Einzelbestimmungen der B’rith Verfassung, die Einzel vor- Schriften des Gesetzes, heute der B’rithlehre nicht mehr angemessen seien. Es müßten erst für die Jüdenheit neue Lebensbedingungen, ein neues freies Gemeinschaftsleben in Palästina geschaffen werden, woraus allmählich neue jüdische Lebensformen erwüchsen, der B’rithlehre besser entsprechend als die auf uns vererbten überalterten und sinnlos gewordenen. Das ist ungefähr die Stellung vieler Zionisten, insbesondere zionistischer Sozialisten, zum ,,Gesetz“. Man kann sie für. falsch, darf sie aber nicht für grundsätzliche Leugnung und Verwerfung des B’rithgesetzes überhaupt halten. Nach alldem findet sich echte Säkularisierung weit seltener als es oberflächlicher Betrachtung erscheint. Nur dort> um es zu widerholen, sind wir berechtigt, von ihrem Vorhandensein zu reden, wo persönliche grundsätzliche Verneinung -der B'rithidee im allgemeinen oder der B'rithlehre und B,rithVerfassung im besonderen vorliegt. 29 Kritik der StandpunJcte• a) Die Erörterung der prinzipiellen Vorfragen enthält bereits implicite die a 11 g e - meine Kritik der Standpunkte. Sie ergibt ohne weiteres, daß die erste und grundlegende Frage des Gesamtproblems: nach der Richtigkeit der Tatsachendeutung durch , die Theoretiker, verneint werden muß. Säkularisierung kann wohl bei jüdischen Individuen und vielleicht bei einzelnen Individuengruppen Vorkommen als persönliche Antireligiosität, aber die von den Theoretikern; gemeinte Tatsache, nämlich die moderne, ins Weite gehende Entwicklung des Judentums, darf nicht an sich für Säkularisierung gelten. Wir erkannten: dem historischen jüdischen Selbstbewußtsein bedeutet Judentum oder jüdische Religion die volle, grundsätzlich alle Lebensgebiete umfassende Totalität desjüdischen Volkstums, der jüdischen Kultur, die durch die B'rithidee material bestimmt ist. Und daß im Laufe der Zeiten das jüdische Volkstum, also die jüdische Religion, immer mehr verkümmerte, war die Schuld der unglücklichen äußeren Verhältnisse, der Fluch des Galuth. Beginnt nun heute wieder eine Erweiterung des jüdischen Lebens, besonders in Palästina, doch einigermaßen auch in der Diaspora, so ist das nichts anderes als eine höchst erfreuliche restitutio in integrum, eine Rückgewinnung verlorenen Bodens für die jüdische Religion, der Anfang einer Wiederherstellung derselben in ihrem vollen, wahren historischen Sinn. Das Auftauchen neuer jüdischer Interessen- und Arbeitsgebiete, neuer jüdischer Aufgaben und Einrichtungen aller Art. bedeutet nicht Veränderung des historischen Wesenscharakters des Judentums, sondern im Gegenteil die notwendige Vorbedingung seiner Wiederverwirklichung. Das seit langem nur noch partielle Judentum des Galuth schickt sich an, die einstige nationale Totalität seiner Jugend zu erneuern. Die moderne jüdische Entwicklung steht im Zeichen eines alten, in diesem Zusammenhang vorzüglich anwendbaren Prophetenwortes: ,,Erweitere den Raum deines Zeltes, weit ausspannen möge man die Umhänge deiner Wohnungen — wehre, dem nicht! Zieh lang deine Seile und mache fest dein^ Pflöcke“ (Jes 540).