Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Das Problem der Säkularisierung des Judentums
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 341 (sequence 11)
- Language
- German
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341 die persönliche grundsätzliche Verneinung der jüdischen Religion oder kurz individuelle Anti reli g i osi tat. Nunmehr gilt es, den ermittelten allgemeinen Sinn der Säkularisierung im einzelnen näher zu ■bestimmen. Wann liegt jene persönliche grundsätzliche Verneinung der jüdischen Religion oder des historischen Judentums vor? Offenbar nur dann, wenn die B'rithidee überhaupt oder ihre beiden Komponenten B’rith lehre und B’rithgesetz grundsätzlich geleugnet werden. Daß, prinzipielle Leugnung der allgemeinen B’rithidee vorkommt, ist natürlich nicht zu bestreiten. Wir finden sie z. B, bei Klatzkin, der sich gegen jeden ,,Geist des Judentums“ oder gegen jedes ״Judentum des Geistes“ als nationales Kriterium wendet. Und viele jüdische Individuen verwerfen heute zweifellos den,,Auserwähltheitsgedanken“, die B’rithidee im allgemeinen. Aber bei solcher ״Verwerfung“ muß man jeweils wohl beachten, ob wirklich grundsätzliche Verneinung gemeint wird oder nur neuartige Auslegung, moderne begriffliehe Formulierung der an sich keineswegs geleugneten Idee selbst. Ein klassisches Beispiel dieser Art haben wir bei Achad Haam, der die ursprünglich vorwiegend metaphysisch verstandene B’rithidee ins Ethische, Historische, Soziologische umsetzt. Das Judentum bedeutet ihm bekanntlich die einseitig ethische Elementarkraft unter den verschiedenen in der Menschheit wirksamen Kräften. Israel gilt ihm als das geschichtliche ״ethische Uehervolk“, das als solches für seine ethische und soziologische Universalmission zu erhalten ist1. Die Sache, die B’rith- oder Auserwähltheitsidee, bleibt, erhält aber eine neue wissenschaftliche Deutung, eine neue begriffliche Fassung. Derlei moderne Auslegungen, sei es der B’rithidee oder einer andern Grundidee des Judentums, sind vollkommen verschieden von prinzipieller Leugnung. Man mag im einzelnen ihre Richtigkeit wie immer beurteilen, ihre methodische Berechtigung muß zugegeben werden. ,,Die Tore der Interpretation“ standen immer, und nicht allein für Maimonides, weit offen im Judentum. Von einer grundsätzlichen Leugnung der B’rithidee und mithin von wirlicher Säkularisierung oder Antireligiosität kann hier unmöglich die Rede sein. Auch dort, wo ohne näheres Eingehen auf die B’rithidee im allgemeinen deren Sonderinhalte verworfen zu werden scheinen, muß nicht stets wirkliche Säkularisierung vorliegen. Fälle grundsätzlicher Leugnung der B’rith- Lehre, wie z. B. bei Berdy czewski, der Nietzsche an Stelle der jüdischen Ethik setzt, gehören wohl zu den Seltenheiten. Häufiger geschieht es, daß das B’rith- Gesetz Abweisung erfährt. Nehmen wir einmal an, diese Ablehnung bei gleichzeitiger Anerkennung der B’rithlehre dürfe allein schon als volle Säkularisierung gelten, so handelt es sich wiederum oft gar nicht um prinzipielle Verneinung. Bisweilen werden lediglich einzelne Teile des sog. ״Zeremonialgesetzes“ verworfen, während der übrige Teil des B’rithgesetzes, hauptsächlich die soziale Ethik, doch auch manche Stücke des ״Zeremonialgesetzes“ selbst, etwa Beschneidung, Trauung, 1 Vgl. besonders Al Paraschath Derakhim I כהן ונביא; II שנד הערכין; in משה.