Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Das Problem der Säkularisierung des Judentums
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 340 (sequence 10)
- Language
- German
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340 an sich, ihrem Wesen nach durchaus konstant. Sie wurden lediglich zu festigen und auszubauen versucht. Eine einschneidende Aenderung darf für die spätere Zeit freilich nicht übersehen werden. Ursprünglich, solange Israel in seinem Lande weilte, hatte das Judentum, die jüdische Religion, tat• s äch 1 i ch den breiten Umfang des alle Lebensgebiete umfassenden totalen jüdischen Volkstums unter der B'rithidee. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte aber bewirkten die neuen äußeren Existenzbedingungen des Volkes eine fortschreitende Verengung. Das jüdische Leben schrumpfte mehr und mehr zusammen und beschränkte sich unter dem Druck des Galuth zuletzt auf gewisse Teilstücke seiner einstigen Fülle und Totalität. Die Sphäre der jüdischen Religion verkümmerte, d. h. das Judentum überhaupt hörte jetzt auf, ganzheitliches Volksleben, die jüdische Totalkultur zu sein und wurde zu einem kleinen und oft kleinlichen Gemeindeleben. Das Bundesgesetz hatte nur noch ein engbegrenztes Anwendungsgebiet und konnte schließlich den Eindruck eines rein kultischen Rituals oder Zeremoniells erwecken. b) Der Begriff der ״Säkularisierung des Judentums“. Gestützt auf die gewonnene Einsicht in das allgemeine Wesen des historischen Judentums oder der historischen jüdischen Religion können wir nunmehr an die Behandlung der zweiten prinzipiellen Vorfrage herantreten: was bedeutet eigentlich ״Säkularisierung des Judentums‘V? Selbstverständlich meint dabei der Begriff des Judentums das historische Judentum. Wann, in welchem Falle darf und muß von dessen ״Säkularisierung“, von seiner Entreligiosierung die Rede sein? Erinnern wir uns* daß das geschichtliche Judentum durch B'rithlehre und B'rithgesetz inhaltlich bestimmtes totales B’rithvolkstum ist. Nimmt man ihm diesen synthetischen religiös-nationalen Wesens- Charakter, so-hört nicht er auf und das Judentum existiert eben ohne ihn weiter, sondern das Judentum selbst hört auf. Ein Volk, das lediglich aus Abkömmlingen ehemaliger B'ne B'rith bestünde, wäre nicht mehr das Bundesvolk Israel, sein Volkstum nicht mehr das jüdische B'rithvolkstum, das Judentum, sondern irgendein neues Volkstum. Wollte man es dennoch so nennen, dann beruhte die Namengebung auf einer terminologischen Willkür ohne sachliche Berechtigung. Denn das neue ״Judentum“ hat mit dem historischen soviel Wesensgemeinschaft, wie, um einen Vergleich Spinozas anzuwenden, das Sternbild Hund mit dem bellenden Tier Hund. Da also das geschichtliche Judentum entweder seinen religiös-nationalen Einheitscharakter behält oder überhaupt zu sein aufhört, so erweist sich der Begriff einer Säkularisierung des Judentums als innerer Widerspruch und völliger Nonsens. Man darf höchstens von einer Säkularisierung der Juden heit reden, genauer der jüdischen Inäividuen, wenn man darunter die p e r s ö n 1 i c h e grundsätzliche Verneinung der B'rithidee, d. h. des historischen Judentums, der jüdischen Religion versteht. Das aber ist nach unserer früheren;Definition׳ der jüdischen Religiosität historischen Sinns gleichbedeutend mit persönlicher An t i re li gi o s i t ät jüdischer Iridividuen. ״Säkularisierung des Judentums“ meint somit rechtens: