Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Das Problem der Säkularisierung des Judentums
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 337 (sequence 7)
- Language
- German
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337 zum Ausdruck brachte: daß heute der Begriff des Judentums seinen Umfang gegen früher stark erweitert hat, daß heute das Judentum viele Gebiete und Einrichtungen umschließt bzw. sich eingliedern will* die völlig jenseits des bisher für Judentum oder jüdische Religion Geltenden liegen und bei zahlreichen jüdischen Individuen allein noch Interesse finden. Dies ist der reine Tatbestand, der Rest — Deutung. Ob der Sachverhalt als Säkularisierung aufgefaßt werden darf und muß, ob er eine Wesensveränderung, einen Wandel sozusagen der Gesamtqualität des bisher Judentum Genannten bedeutet, bildet gerade die erste und grundlegende Frage des ganzen Problems. Von selbst versteht sich hier nicht das Geringste. Vor allem ist demnach zu prüfen: sind die wirklichen Tatsachen, Vorgänge, Tendenzen, die zu der Problemstellung Anlaß geben, mit den Theoretikern als Säkularisierung des Judentums zu deuten oder nicht? Die Methode der Behandlung dieser Grundfrage bietet keine sonderliche Schwierigkeit, sobald man sich deren eigentlichen Sinn klargemacht hat: besitzt das moderne Judentum noch den gleichen Wesenscharakter wie das frühere, d. h. das historische Judentum, oder steht es im Begriff, ihn abzuwerfen und einen völlig neuartigen, nämlich einen areligiösen, rein weltlich-nationalen anzunehmen? Ohne weiteres leuchtet ein, daß zur Beantwortung lediglich das moderne jüdische Leben mit dem historischen Judentum hinsichtlich seiner Wesensbeschaffenheit zu vergleichen ist. Man muß also untersuchen, einmal was der Begriff des ״historischen Judentums“, sodann was der seiner ״Säkularisierung“ eigentlich bedeutet. Auf Grund des Ergebnisses läßt sich leicht und mit Sicherheit ermitteln, ob wirklich die moderne Entwicklung des Judentums Säkularisierung ist oder eine andere Deutung erfordert. Erst nachher kann und darf der zweite Punkt des Gesamtproblems behandelt werden — welche Stellung der Religion im modernen Judentum zukommt bzw. zukommen soll. a) Der Begriff des ״historischen Judentums“1. Das hier allein zuständige geschichtliche jüdische Bewußtsein stellt von Anbeginn die Gegebenheit der vollkommenen Verschmelzung von jüdischer Religion und jüdischem Volkstum als Merkmal des jüdischen Wesens fest. Seit den Tagen Moses und schon vorgebildet bei Abraham macht ihm die B’rith-Idee oder die der ״Auserwähltheit“ Israel zum Gottesvolk, zum heiligen Volk. ״Religion“ bedeutet der reinen jüdischen Auffassung keineswegs ein Teilgebiet innerhalb der jüdischen Totalkultur, etwa neben jüdischem Recht, jüdischer Wirtschaft, Politik, Literatur usw., sondern sie 1 Von neueren Arbeiten, denen die folgende auf das in diesem Zusammenhang unbedingt Notwendige sich beschränkende Darstellung vielerlei Anregungen verdankt, nenne ich besonders: Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie III, Tübingen 1921 und die Besprechung J. Guttmanns in MGWJ 1925. Max Wiener, Jüd. Frömmigkeit u. rel. Dogma, MGWJ 1923 u. 1924. Adolf Jacobus, Der Gottesstaat, Berlin 1923. Scbeftelowitz, Ist das überlielerte Judentum eine Religion ohne Dogmen?MGWJ 1926. Ders., Konnte das alte Judentum Dogmen schaffen? Ebenda. Bäck, Besitzt das überlieferte Judentum Dogmen? Ebenda. F. Goldmann, Die dogmatischen Grundlagen der jüd. Religion, Ebenda. Monatsschrift, 71. Jahrgang. 22